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Archiv für September, 2011

Adams Apfel

Vor zwei Jahre fanden Paläoanthropologen nördlich von Addis Abeba eine 4,4 Millionen alte Frau. Sie hatte unrasierte Beine, ungewöhnlich lange Zehen und einen lieben Mann, der weniger aggressiv war als diese unkultivierten Affen, die sich ein paar Jahre zuvor noch um Damen wie sie geprügelt hätten.

Zwar lebte sie teilweise auf Bäumen, klammerte sich aber nicht an den Zweigen fest, sondern spazierte grazil auf Ihnen herum und verfiel auch auf festem Boden nicht in einen äffischen Knöchelgang. Friedemann Schrenk, der am Frankfurter Forschungsinstitut Senckenberg als Professor für Paläobiologie arbeitet, stellte 2009 in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung fest, dass der aufrechte Gang des Menschen nicht in baumlosen Steppen entstand. Immer seien es die lichten Buschlandzonen am Rand von Regenwäldern gewesen, wo der Affe zum Menschen wurde.*

Offenbar ist die Entscheidung zum aufrechten Gang also nicht die metaphorische Haltungsfrage, die Moralisten so gerne darin sehen. Es scheint lediglich ein pragmatischer Evolutionschritt zu sein. Warum sollte man sich mit krummem Rücken nach einem faulen Äpfelchen im Gras bücken, wenn man ebensogut mit gestrecktem Oberkörper nach der knackigen Frischware am Baum greifen kann?

*SZ, 2. Oktober 2009

Convenience

„Ich habe ein unschlagbar einfaches Verfahren entwickelt, um die Welt zu retten. Es sind fünf oder sechs Schritte, die jeder Mensch einfach umsetzen kann. Das Prinzip ist nicht besonders teuer, sondern beruht auf einfachen Verhaltensänderungen und einem maßvollen Verzicht.“

„Fünf oder sechs Schritte? Zu kompliziert. Da sehe ich keine Marktchance. Gibt es keine Convenience-Lösung?“

QWERTZ

Mit zunehmender Elektrifizierung mutiert die Hand, die uns Menschen zum unmittelbaren Fühlen und Begreifen gegeben wurde, zur bloßen Schnittstelle: Mit ihr werden Gehirn und Augen über Tastatur und Maus an den Rechner angeschlossen. Das sensorische Erlebnis der Finger reduziert sich dabei auf die erhabenen Kunststoff-Markierungen auf „F“ und „J“, die die korrekte Position auf der QWERTZ-Tastatur anzeigen.

Schreiben ist schließlich nur der mühselige Versuch, all die Reize, die sich durch Gesten, Geräusche, Gespräche, Gerüche, durch Sehen und manchmal auch Verstehen zu einem sehr komplizierten Gefühl aus vielen tausend Komponenten geformt haben, mit den 54 Knochen der beiden Hände und einem Haufen Plastiktasten in eine Form zu bringen. Was sich auch nach langer Übung anfühlt, als versuche man, das Schloss Neuschwanstein mit einem Sandförmchen nachzubilden. Man möchte jedem Satz hinzufügen: „Ich möchte nur, dass Du mich verstehst. Frag bitte nach, sollte es ein Missverständnis geben. Möglicherweise habe ich schlecht formuliert.“ Und eigentlich möchte man die Tastatur aus dem Fenster schmeißen und sich einfach wortlos in den Arm nehmen.

Heimat

Erntedankfest 1987

Visionen

Die wirtschaftliche Situation hatte sich überraschend gewendet. Offenbar beruhten alle Schuldenszenarien der Vergangenheit auf einem bislang unentdeckten Rechenfehler, böswillig verursacht durch einen schlecht gelaunten Buchhalter der Notenbank. Ein goldenes Zeitalter war ausgebrochen, die Armut besiegt, die Renten sicher, das Wort Arbeitslosigkeit ein nostalgischer Begriff aus einer anderen Epoche.

Dennoch lag eine unbestimmte Unzufriedenheit über dem Land. Die neugewonnene Sicherheit hatte die Menschen zu quengelnden Kindern werden lassen und die stabile Lage machte sie nicht zufrieden, sondern matt und miesepetrig. „Unsere Bedürfnisse sind gestillt, aber was ist mit unseren Träumen?“, fragten sie in Talkshows und ein käsesattes Publikum applaudierte ihnen.

„Ein Vorschlagswesen, wir brauchen ein Vorschlagswesen“, überlegten Regierungsvertreter und beriefen eine Expertenkommission ein. Weil alles so gut lief und – wie schon gesagt – ein goldenes Zeitalter ausgebrochen war, traute man sich sogar ein wenig mehr. Eine „Wunschumfrage“ sollte die Träume des Volks ermitteln, um ein starkes Gefühl der Zufriedenheit zu schaffen. Überall im Land wurden spezielle Briefkästen aufgestellt, in die einen Monat lang ganz unbürokratisch und mit der Aufforderung, durchaus Maximalforderungen zu stellen, Zettel mit Wünschen wandern sollten.

Weil es eben keine Abstimmung mit einer begrenzten Zahl von Wahlmöglichkeiten war, sondern die Möglichkeit zur freien Formulierung, vermutete man eine langwierige Auswertung der vielen Einsendungen. Überraschenderweise ging es dann sehr schnell, da sich klare Mehrheiten auf nur wenige, oft vertretene Wünsche sammelten.

„Ich wünsche mir einen attraktiven Großkotz“ war ein signifikant häufiger Wunsch vieler weiblicher Teilnehmer. Einsendungen wie „Ein größeres Parkdeck vor dem Einkaufszentrum“ und „H&M sollte mehr Sachen in meiner Größe führen“ kamen mindestens ebenso oft vor. Zunächst herrschte eine gewisse Katerstimmung und die Feuilletons beklagten die Schlichtheit einer Gesellschaft, die in ihrer Saturiertheit nur noch an Stellschrauben ihres Daseins drehen mochte. Rückblickend war man jedoch allgemein erleichtert, dass kaum wirkliche Visionen angesprochen worden waren.

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