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Archiv für Januar, 2012

Wir brauchen so viel. Weil wir alles haben.

Auf den asphaltierten Vorstadtparkwüsten stehen keine Kombis mehr. Es sind Mini-Vans, stark motorisierte Kleinlastwagen, deren Anschaffung mit der Geburt des ersten Kindes legitimiert wird. Mit Ladeflächen für IKEA-Kartons, für Gitterkörbe voller Ofenkäse und Bio-Weine, für Bobbycars, Kickroller und all den Plunder, ohne den Einzelkindeltern das Haus nicht mehr verlassen können.

Der Raum, von dem wir glauben, dass er uns als Fläche zusteht, wird immer größer. Im therapierten Selbstbewusstsein, ausgerechnet wir seien so kunstvoll geknickt, dass wir es nach gelungener Selbstentfaltung auf mindestens 80 Quadratmeter pro Nase bringen.

Was uns treibt, ist das Mehr. Das grässliche Wort „Nullwachstum“, das doch eigentlich das Halten eines Zustands beschreibt, haben wir systematisch mit dem Rückfall in die Armut, die keiner von uns erlebt hat, belegt. Das Wachstum ist der Mehrkonsum, den wir brauchen, um dank Dosissteigerung im schneller drehenden Hamsterrad die Balance zu halten, die wir Work-Life-Balance nennen.

Wir sind eine Generation, die die gestreiften Gartenstühle unserer Großeltern belächelt. Diese verschossenen Stoffdinger, die bei Wind und Wetter unter dem Baum standen. Das Garteninterieur unserer Wahl ist ein doppelgeflanschtes, kaltgemufftes Relaxsystem mit intelligenten Wirbelsäulenprotektoren auf Grundlage bionischer Erkenntnisse. Angeliefert im Reißverschluss-Schutzmantel, dessen Bio-Baumwollstoff mit demselben Spezialwaschmittel gereinigt werden kann wie die Bezüge der Kaltschaumauflagen.

Und wenn man den Gesamtaufwand aus dem durch Testberichte gestützten Entscheidungsprozess, der internetbasierten Identifikation des günstigsten Anbieters, vor- und nachsaisonaler Reinigung und platzsparender Verstauung im Schwerlastregal des Kellers berücksichtigt: Wir werden in diesen Möbeln niemals Ruhe finden.

Sind unsere Tage erst erfüllte Tage, wenn sie zu großen Teilen aus der Organisation von Qualitätssteigerungen unseres Daseins bestehen? Aus einer Waren-, Freizeit- und Wissenslogistik, in der selbst der Burnout als Gütesiegel unserer Emsigkeit zum Statussymbol wird. Schließlich leben wir längst nicht mehr vom Brot allein, es muss ein Bergbauernrezept aus dem 19. Jahrhundert sein. Weil auch der Wunsch nach der neuen Einfachheit ein vermarktbares Konsumlabel abgibt. Nur eben mit Naturfarben auf Packpapier gestempelt.

Das Internet unterstützt unseren Selbstoptimierungsprozess gern: Weil die Data Profiler nicht nur unsere Kleidergröße und unsere Lieblingsfarbe kennen, sondern auch unsere Vorliebe für das Landleben, festes Schuhwerk und Schottland. So wird aus einer einfachen Wetterjacke eine Cross-Selling-Orgie. 14tägiges Rückgaberecht inklusive. Am besten also, man bestellt gleich zwei Wetterjacken, von denen man eine wieder verpackt, mit ausgedruckten Retourenzettel fristgerecht zur Post trägt und die Zeit, die man in einem Einkaufszentrum verschwendet hätte, großzügig neu verplant. Hoffentlich hat der Wellness-Bauernhof WLAN.

Barista

Behutsam erhitzte er die entrahmte Milch in einem Edelstahlkolben auf 50 Grad Celsius. Nicht ein Grad mehr und keines weniger. Der Winkel der Milchaufschäumdüse sei wichtig, betonte er, als er das Geodreieck am Espressoautomaten anlehnte und mit lasziven Wippbewegungen Berge feinporigen heißen Milchschaums produzierte.

Tröpfchen für Tröpfchen gab er auf den winzigen Espressoshot, den er zuvor in die angewärmte Tasse gefüllt hatte. Immer im Bemühen, die beiden Flüssigkeiten nicht restlos zu vermischen, sondern eine Farbkomposition aus dunklen und hellen Brauntönen zu schaffen. In einer fließenden und immer langsamer werdenden Bewegung gab er den Milchschaum hinzu, dessen Oberfläche sich bereits auf den ersten Blick wie eine Horizontlinie auf der Tasse abzeichnete. Ruhig wie Zenmönch malte er nun mit dem Griff eines Silberlöffels die zerklüfteten Felsformationen der Rocky Mountains in die Schaumoberfläche und texturierte die Bergflanken in Bob Ross-Manier mit Kakaopulver. Er trat noch einmal zurück, kniff die Augen leicht zusammen und erst als er restlos zufrieden war, kassierte er die 4,20 Euro für den Milchkaffee.

Am Platz angekommen, führte ich die Tasse vorsichtig zum Mund. Fast ängstlich, sein teures Kunstwerk zu zerstören. Der Kaffee war eiskalt und schmeckte scheußlich. Vermutlich war ich ein Banause.

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