Kirmes

kirmes

Die Beregnungsanlagen für ungenießbare Kokosstücke sind montiert und die Liebesäpfel leuchten im naturbelassenen Metallic-Look. Menschen in petrolfarbenen Freizeithosen schlendern gelangweilt an Verkaufsständern mit petrolfarbenen Freizeithosen vorbei. Es ist Kirmes.

Hanns Martin Schleyer ist im September 1977 entführt worden. In meiner Heimatstadt war gerade Herbstkirmes und es gab es einen dieser Blumenmänner, die breitbeinig auf der heruntergeklappten Rampe ihres offenen Lastwagens standen. Für acht Mark legte er noch ein Alpenveilchen und eine herrliche Petunie auf den ursprünglich angepriesenen Gummibaum drauf und dabei blieb es nie. Für acht Mark schickte er schließlich komplett mit Biomasse behangene Besoffene vom Kirmesplatz.

Die Pflanzen interessierten mich nicht, mich faszinierte sein Umgang mit dem Mikrofon, dem selbst ein dreckiges Taschentuch nicht den Sportpalast-Sound nahm. Weil er merkte, wie leicht er die Menge vor seinem LKW-Anhänger begeistern konnte, kam er zwischen kürzer werdenden Zierpflanzen-Exkursen immer wieder auf die Methoden zu sprechen, mit denen er die RAF-Mitglieder traktieren würde, um deren Freipressung es mit Schleyers Entführung ging. Der Blumenmann forderte das Abschneiden von Genitalien, die weiblichen Inhaftierten sollten – so forderte er es – gefoltert und vergewaltigt werden. Er redete sich in Rage und aus den Blumeninteressenten wurde eine radikale Partei.

Drei Wochen zuvor hatte ich mit Gruseln die Passagen über das Teeren und Federn in Huckleberry Finns Südstaaten-Abenteuern gelesen und plötzlich stand ich in einer Menge, die lauthals Rache schrie und sich vom tumben Gummibaum-König aufpeitschen ließ. Schlagartig wusste ich, dass ich nie Teil eines Mobs sein, mich nie instrumentalisieren lassen wollte, um Freiheitsrechte aufzugeben, die ich auch denen zugestehe, die ich verabscheue.

In den Selbstbeteiligungs-Angeboten des Internets ist immer Kirmes. Die Blumenmänner nennen sich Publizisten, Experten oder Humoristen und benutzen stumpfe Syllogismen, um in der, dem Medium eigenen, kurzen Aufmerksamkeitsspanne, möglichst schnell Reaktionen auszulösen. Geschlussfolgert wird digital: Aus wenn wird dann und immer wenn – dann aber ganz bestimmt. Und überhaupt sind „alle, die“ und „Leute, die“ und „jeder, der“. Kein Bild ist zu grob und es gibt kein Verhalten, aus dem sich nicht auch ein geringschätziges Etikett ableiten ließe. Nichts ist zu abgedroschen, um dank fehlender Originalität nicht erleichtert als gelerntes Muster wahrgenommen zu werden: Same as it ever was, same as it ever was.

Den Wunsch, einem Menschen die Genitalien abzuschneiden, habe ich 36 Jahre nach dem oben erwähnten Erlebnis fast wortgleich auf Twitter gelesen. Von einem Mann, der ansonsten nur sympathische und harmlose Pointen schreibt. Unter einem Hitlervergleich geht es nicht in einer Zeit, in der selbst Teekessel Hitler ähneln. Wer hier nicht Freund ist, muss Feind sein und Freunde, die mit Feinden Freund sind, sind so lange Feinde, bis sich das Netzwerk auf den kleinsten Nenner gefiltert und verblödet hat.

Das Problem liegt im Wunsch nach möglichst lauter Wirkung. Natürlich könnte man auch einfach nur ein Lebensereignis beschreiben: „Bratwurst gegessen. Hat mir nicht geschmeckt.“ Aber das würde kindlich und sogar leicht debil wirken. Also muss jede Banalität künstlich nachgeschärft werden: Gerne auch mit Aspekten aus dem Reich der Sexualität. Bis irgendwann die Gewürze knapp werden und bereits eine Nachricht, deren Relevanz nur knapp über einer Bratwurst liegt, reicht aus, um einen lauten Mob vor dem Blumenwagen zu sammeln. Ein bisschen weniger Kirmes wäre schön.

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