Harald

Im Dschungel der Stadt finden die, die anders sind als der große Rest, immer ein passendes Blatt, auf dem sie zum unsichtbaren Chamäleon werden. Was fällt den abgestumpften Großstädtern schon noch auf? Jedenfalls nicht der Apatschen-Häuptling, der mit vollem Federschmuck und einer Flasche Kakao müde die U-Bahn-Treppe hinaufsteigt. Auch nicht die geflüstert vorgebrachten Warnungen der aufgeregten kleinen Frau, die behauptet, alles hier sei von einer geheimen Macht untertunnelt. In der Nähe des Esoterik-Stübchens stößt sie an guten Tagen sogar auf ein Interesse, das sie selbst überrascht.

Je kleiner die Stadt, umso weniger Anstrengung ist nötig, um aus der Art zu schlagen. Etwa die Marotte, auch an sehr heißen Sommertagen mit einem bodenlangen grauen Gummiregenmantel durch die Stadt zu gehen. In meiner Kleinstadt gab es rund 25 ausgewiesene Sonderlinge. Das macht einen Sonderling pro 1000 Einwohner und entspricht in etwa der bundesdeutschen Sonderlingsnormalverteilung. Hätte ich mein latent vorhandenes Verlangen ausgelebt, beim Gehen nach jedem dritten Schritt einen kleinen Hüpfer zu machen, ich hätte die Statistik versaut.

Die Sonderlinge fielen auf, natürlich wurde hinter vorgehaltener Hand getuschelt und manchen wurden sogar Obsessionen unterstellt. Gleichzeitig wurden sie oft durch familiäre Bindungen getragen oder hatten sogar einen Beruf. Selbst „Chicago“, ein hagerer Mann, der mit einem CB-Funkgerät in der Hand den Straßenverkehr regelte, wurde geduldet. Schließlich gab es nicht viel Verkehr und dort, wo er Menschen über die Straße leitete, war nun mal tatsächlich keine Ampel.

Schaukelpferd-Rolf, dessen Spitzname im bergischen Dialekt weniger brutal erschien, hieß so, weil seine jeweils um 90 Grad verdrehten Füße seinen gesamten Körper in eine schwingende Bewegung versetzten. Dieses weit ausholende Schaukeln war tragisch, passte aber andererseits ideal zu seinem freundlichen Grüßtick. Er hatte ein liebes Gesicht, lachte immer und grüßte links, rechts und dann wieder links. Zwischen den Schieferhäusern der dunklen bergischen Kleinstadt fiel das Grüßen traditionell sehr knapp aus, aber Rolfs wippender fröhlicher Gestalt konnte sich niemand entziehen und jeder mochte ihn.

Solange ich mich erinnern konnte, kehrte er samstags den Wochenmarkt und stützte sich nach getaner Arbeit auf seinen Besen und trank einen Schnaps mit dem Mann, der bei jeder Witterung einen grauen Gummiregenmantel trug und immer leicht abwesend und verwirrt wirkte. Unter seinem Arm trug er ständig eine Aktentasche und erst Jahre später erfuhr ich, dass er der zweite Erbe einer Sanitärausstattungsdynastie war. Ausgezahlt von seinem cleveren Bruder trug er aus Angst vor Banken und bösen Menschen seine Wertpapiere mit sich herum. Was sich angesichts der relativ zügigen Pleite des Bruders als gar nicht so schlechte Strategie entpuppte.

Mit seinem grauen Regenmantel verlor die Stadt Ende der 90er Jahre eine Konstante im Straßenbild. Als auch Rolf kurz darauf starb, kaufte die Stadt eine Kehrmaschine. Es wäre schwer geworden, jemand zu finden, der ihn adäquat hätte ersetzen können.

Der Knecht eines stadtnahen Bauernhofs, der sein klappriges Damenrad das ganze Jahr hindurch mit dürren Zweigen und Feldblumen zu einer Art fahrenden Hecke verwandelte, wurde 364 Tage kritisch beäugt. „Bekloppt, mit dem Grünzeug so nah an den Speichen, wenn das mal gut geht.“ Er lebte auf einer Hofschaft und arbeitete bei der Familie, die für den größten Erntedankzug der Region verantwortlich war. Im Festzug mit Traktoren, die mit Kuhflecken bemalt waren und Landwirten in rosa Schweineoveralls wirkte der Knecht, der im Anzug auf dem mit Maiskolben geschmückten Fahrrad zwischen den Landmaschinen herfuhr plötzlich eher bieder denn lächerlich.

Die kleptomane Ader der Gattin des beliebten Arztes gleich neben der Kirche hätte sie nicht stadtbekannt gemacht, denn sie war versiert und diskret. Auffällig wurde sie dadurch, dass ihr Mann ihr Diebesgut regelmäßig zurückbrachte. Und geradezu berühmt wurde sie dann im Alter, als ihr Mann nachlässig wurde und sie den Schlüssel zu seinem Morphiumschrank fand. Ihr nächtlicher Nacktauftritt mit Trompete auf dem Grüßbalkon ihrer Wohnung ging in die Stadtgeschichte ein.

Für einen relativ jungen Mann, der einmal zur Kleinstadt-Kifferszene gehört hatte, war Volker mit seinem Jäger-Lodenanzug enorm konservativ gekleidet und führte ein bürgerliches Leben als Handelsvertreter. Wer ihn näher kannte, wusste, dass der Lodenanzug sein einziges Kleidungstück war, weil er jede verdiente Mark und jede Minute seiner Freizeit in den Naturschutz investierte. Sein Auto war fünfzehn Jahre alt und die Seitenscheiben verschwanden bei jedem Schlagloch in der Türfüllung und in seiner Wohnung standen nur wenige Möbel. Ein Blickfang war allerdings die zweieinhalb Meter hohe und vier Meter breite Voliere mit Schleiereulen hinter dem Ehebett des Schlafzimmers. Volkers Frau war sehr schweigsam, aber tolerant und angesichts des Gestanks der Eulen auch nicht sehr geruchsempfindlich.

Sein Garten war ein dunkler Hang, der mit Holzbohlen vor den Augen der Nachbarn geschützt war. In Käfigen und Schuppen hielt er Amphibien, Insekten und in einem Gewächshaus wuchsen Pflanzen, die alle Kriterien der geltenden Flora-Fauna-Habitat-Richtlinien erfüllten.

Er arbeitete als Einmannarmee im Lodenanzug. Ihm war es zu verdanken, dass die Begehung von Baugrundstücken für viele Gutachter durch zuvor ausgesetzte Ameisenbläulinge, Gelbbauchunken und seltene Orchideenarten zu einem unvergesslichen Erlebnis wurde. Manchmal übertrieb er allerdings auch. Die Paradoxie blühender Orchideen im winterlichen Permafrostboden fiel zwar keinem der Gutachter auf, aber sein kleiner Papageienschwarm im Freiflug wirkte vor den Tannen des Bergischen Landes unglaubwürdig. Irgendwann ließ er eine Käfigtür aus Versehen offen. Seitdem gibt es eine stetig wachsende Kolonie sibirischer Streifenhörnchen am Ufer der Wupper.

Weil die Stadt nicht reich an Sensationen war, entwickelte ich eine Vorliebe für diese Sonderlinge. Einer anderer war Harald. Harald war fast fünfzig Jahre älter als ich und hatte den Teint von frisch angerührtem Zement. Auf dem Kopf trug Harald eine Baskenmütze, die ihn als politischen Dissidenten auswies. So einfach waren die Symbole damals noch.

Immer wenn es in der Kleinstadt um politische Themen ging – ganz egal, ob lokalpolitischer oder globaler Natur, war Harald da. Der Protest gegen eine geplante Umgehungsstraße, die Menschenkette um ein Naturschutzgebiet oder eine Demonstration gegen die Informationsveranstaltung der Bundeswehr, Haralds Baskenmütze war immer schon von weitem zum sehen.

An einem brütend heißen Sommernachmittag 1986 saß ich dann zum ersten Mal in Haralds Wohnzimmer. In einem Jahr sollte die erste große Volkszählung stattfinden. Harald war dagegen und hatte ein versprengtes Häuflein der noch jungen alternativen Bewegung eingeladen. Dazu ein Demokratischer Sozialist mit Mundgeruch, ein Liberaler Demokrat und ein bärtiger ehemaliger DKPler. Trotz meiner Jugend ahnte ich, dass Sieger anders aussahen, aber möglicherweise auch langweiliger sind.

Seine Einrichtung bestand aus unmodernen Möbeln, die in den frühen 1960er Jahren gekauft worden waren, als Harald noch eine Frau und einen Beruf hatte. Es musste also eine Phase gegeben haben, in der seine Welt für einen Moment in Ordnung gewesen war. Jetzt lag dicker Staub auf den Fotos, auf den vielen Aktenordnern und dem resedagrünen Telefon, das alle gebannt anstarrten. Ein Anruf aus Warschau wurde erwartet, von einem Kontaktmann des polnischen Geheimdienstes, der brandheiße Informationen zur geplanten Volkszählung versprach. Harald habe gute Kontakte nach Polen, raunte mir jemand ins Ohr.

Natürlich kam der Anruf nicht. Also wurde noch viel geraucht, viel Kaffee getrunken und irgendwann löste sich die Versammlung auf. Eines von vielen ergebnislosen Treffen in dieser Wohnung. Harald fragte mich, da ich mit dem Rad bei ihm war, ob ich noch etwas für ihn einkaufen könne. Er fühle sich schwach. Das konnte ich verstehen. Die Luft in seinem Wohnzimmer war zum Schneiden und acht Tassen Kaffee waren für einen Siebzigjährigen kein Spaß.

Als ich mit Kondensmilch, Margarine und Pumpernickel wieder bei ihm aufkreuzte und er mir das in die Hand zählte, schob sich sein Hemd hoch. Ich sah die Tätowierung auf seinem Unterarm und er sah, dass ich sie sah. „Warschau“ murmelte er. „Zuviel für ein Leben, zuwenig übrig für eine Frau und Kinder.“ Auf seiner Beerdigung ein paar Jahre später war ich nicht mehr, ich wohnte längst nicht mehr in der Stadt. Aber ich habe gehört, dass ein Demokratischer Sozialist mit Mundgeruch, ein Liberaler Demokrat und ein bärtiger ehemaliger DKPler zur Trauergemeinde gehörten.

Foto: Erntedank 1986

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5 Gedanken zu “Harald

  1. Da war der Mann im Kostüm einer Kuh, er saß im Rollstuhl und begegnete mir oft auf dem Winterfeldmarkt in Berlin. Oder die „Lady in Red“, auf Stöckeln, perfekt geschminkt, in die Jahre gekommen und unterwegs in Heide/Ditmarschen. Der alte Bauer in seinem Anzug, der wohl fast so viele Jahre an der Knopfleiste hatte, wie er selbst. Da sind die Jungs aus dem Wohnheim, die jeden Samstag unter Wanderliedern und mit Rucksäcken 15 Kilometer weit in die Stadt laufen, um eine Coke zu kaufen und wieder nach Hause zu gehen. Da ist der ehemalige Bandenrocker, gut 160 Kilogramm schwer, im Rollstuhl mit seinen Hunden und nur in seinen Augen ist zu sehen, dass das Leben einmal wild war … Da ist der Inder, der illegal seine Hinz&Kunzt verkauft und sich über Kaffee und eine Semmel freut…

    Vielen Dank Herr Breuer, für Ihren wunderbaren Text. Es liegt nicht an Stadt oder Land, sondern am Betrachter, ob und was er wahrnimmt. Und vor allen Dinge, wie… Ihren Blick auf die Welt mag ich und das nicht zum ersten Mal :-)

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