Weiter Abschlag

Sein Zimmer roch, obwohl gelüftet, nach Pellkartoffeln und nach Mensch. Scharf gefaltet zeigte die Rückseite seiner Zeitung die Todesanzeigen. Drei der fünf Verstorbenen kannte er. Ein ehemaliger Kunde, die Schwester eines Vereinskameraden und eine Beerdigung, die er würde besuchen müssen. Die Mutter einer seiner früheren Verkäuferinnen, eine kräftige Frau, die vor dreißig Jahren ihre schüchterne Tochter bei ihrem Vorstellungsgespräch begleitete. Wie alle anderen Toten auf der Zeitungsseite war auch sie jünger als er.

Stille. Alle fünfzehn Minuten ein kurzer Glockenschlag, alle dreißig Minuten zwei und kurz vor der vollen Stunde das Schnurren der Uhrkette. Dazwischen nur sein eigener Atem, dessen unangenehmes bronchiales Rasseln ihm erst bewusst geworden war, seit er allein in diesem Haus wohnte.

Er schob die Gardine mit dem Stock zur Seite. Die Sandsteinplatten der Garageneinfahrt blendeten ihn. In der Mitte, gleich hinter dem vergitterten Tor lag ein Fußball in der Sonne und warf einen harten Schatten. Warum, fragte er sich, hatten sich die Kinder nicht bemerkbar gemacht? Weil man bei einem fast Toten nicht klingelt? Weil sie Angst vor ihm hatten?

Sicher nicht, weil sie ahnten, wieviel Kraft es ihn kostete, die steile Treppe ins Erdgeschoss hinabzusteigen. Über den ausgetretenen Läufer, der an einigen Stellen lose in seiner Messingbefestigung hing und durch die kühle Garage, mit dem Stock an seinem lange nicht benutzten Wagen vorbeitastend.

Als er das Holztor zur Einfahrt öffnete, nahm ihm die Hitze den Atem und ihm fiel auf, wie kalt sein Haus war. Er trug ein langes Unterhemd unter seinem offenen Hemd, darüber eine Strickjacke, mitten im Juni. Langsam näherte er sich dem Tor, konnte aber die Kinder nicht sehen. Nur ihr Lachen konnte er hören, nicht weit entfernt auf der großen Asphaltfläche neben seinem Grundstück.

Er nahm den Ball auf und wog ihn in der Hand ab. Ein schöner Lederball, sauber vernäht und noch ohne jeden Kratzer. Plötzlich fühlte er sich so kräftig wie schon lange nicht mehr. Er hing seine Strickjacke am Zaun auf und lehnte den Stock an. Mit beiden Händen tippte er den Ball auf und freute sich über das Gefühl, die zurückspringende Lederkugel zu fangen. Behutsam legte er sich den Ball zurecht. Einen Abschlag wollte er wagen. Heraus aus seinem Grundstück, über die Hecke hinweg. Er stellte sich vor, wie der Ball auf dem Parkplatz neben seinem Haus einmal elegant auftippte und den Kindern vor die Füße sprang.

Sein rechter Fuß traf den Ball perfekt. Sein linkes Bein knickte unter ihm ein und er verlor das Gleichgewicht. Hart schlug er mit dem Kopf auf den hellen Sandstein der Garageneinfahrt auf. Kurz bevor er das Bewusstsein verlor, hörte er die Kinder jubeln.

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