Aus der Lebensbeschreibung meines Urgroßvaters [1908]

[…]

Mein Vater wurde immer stiller und gebückter, und als der Monat August ins Land zog, legte sich mein Vater zu Bett, von welchem er nicht mehr aufstehen sollte. In den ersten Tagen des Monats August in den Vormittagsstunden ist er sanft verschieden. Ich war an seinem Sterbelager nicht zugegen und war ich während dieser Zeit in der Nachbarschaft, diese zu einem Pilgergang nach der nahen Kapelle zu beordern. Unsere Nachbarschaft lag sehr zerstreut so dass ich längere Zeit abwesend war und als ich heim kam traf mich die Nachricht von dem Tod meines Vaters wie ein Keulenschlag. Drei Monate waren seit dem Tod meiner Mutter vergangen und schon wieder  hielt der Tod seinen Einzug und nahm uns unser letztes, was wir noch auf Erden hatten. Wir waren nun ganz verwaist und sollten wir nun die bittere Fremde mit der Heimat vertauschen. Die Heimat weiß nur derjenige zu schätzen  der so jung und so lange das Brot bei fremden Leuten genossen hat.

Von jetzt begann für uns alle ein neuer Abschnitt im Leben. Nachdem auch mein Vater zur letzten Ruhe bestattet worden war, wurden wir alle auseinander gerissen.

Am Beerdigungstage meines Vaters wurde unser Elternhaus geschlossen und das Vormundschaftsgericht trat in seine Rechte. Der schon früher erwähnte Schömger wurde unser Vormund unser Haus, Scheune, Land usw. auch unser gesamtes Mobiliar, Vieh und Ackergeräte wurden nach einem Termin öffentlich meistbietend verkauft und hat unser Vormund das Haus nebst Scheune und ich glaube auch das Land angekauft.  Es blieb für uns nichts übrig und habe ich somit auch nicht das kleinste Andenken an meine Eltern übrig gehalten.

[…]

Hof Bahz

Inzwischen war im Gemeinderat über mein Wohl und Wehe entschieden worden und im Monat September musste ich meine wenigen Habseligkeiten zusammen nehmen und wieder wandern. Dass mein Vormund mich nicht zu meinem Bruder behalten konnte war ja klar und darum war ein neues Quatier für mich gemacht worden. Ich zog also nach einem größeren Bauern mit Namen  Teven und zwar zwischen Heidhausen  und Hüls wohnhaft. Es waren dies zwei größere Gehöfte welche am Bahz genannt wurden.

Die Gemeinde bezahlte eine Entschädigung an diesen und das übrige musste ich außer der Schulzeit verdienen.

[…]

Das Gehöft bestand aus Wohnhaus, daran anschließend Futterhaus mit Stallungen und dahinter 2 große nebeneinander liegende Scheunen.  Der Viehbestand war ein Pferd, ein großer Stall Kühe wofür eine Magd war, welche, was hier gleich bemerkt sei, ein gutes Mädchen war und mir manchmal tröstend zur Seite stand. Außer dem vorgenannten Viehbestand war noch eine Partie Schweine, Hühner, Enten, Truten usw.

Hier kann ich sagen, habe ich zuerst meine Eltern vermisst und habe ich manchmal geweint, wenn ich sah, dass man als fremd betrachtet wurde und für die Unarten der eigenen Kinder geschimpft wurde; und verteidigen durfte ich mich nicht, denn Flegelstreiche hatte ich alle allein gemacht und dann war es wieder die Magd die mir half und zu der ich mich hingezogen fühlte. Beim Essen saßen wir allein und von all den dort stattfindenden Kaffeekränzchen bekamen wir beide nichts zu sehen.  Hierzu waren Lehrer und Lehrerinnen usw. geladen. Mein Bett stand oben auf dem Speicher, nicht etwa in einem Zimmer sondern frei und Ratten und Mäuse machten mir ein Schlummerlied.

Obwohl ich noch ein Kind war, so fühlte ich hier die Fremde schon so recht und obwohl ich nicht alles verstand so merkte ich doch, dass ich erst in vierter oder fünfter Linie kam. Mittwochs verließ ich bereits um 10 Uhr die Schule, denn Punkt 12 Uhr war die Dreschmaschine in Betrieb, welche stets mit 2 Pferden bespannt war. Das Herunterwerfen der Garben in der Scheune war meine Beschäftigung, welche mir allein oblag. Das dieses keine leichte Arbeit war für mich mit elf Jahren auf so einem Fruchthaufen ist begreiflich zumal ich manchmal nicht verstand wie die Garben gelegt waren und der Fruchthaufen einen Durchmesser von ungefähr 10-15 m hatte. In der Zwischenzeit war eine kleine Kaffeepause. Es wurden dann die Pferde gefüttert und die angesammelten Frucht- und Strohhaufen etwas beiseite geschafft.

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