Wuppertal Hbf

Sechs Jahre lang wohnte ich unmittelbar über dem Wuppertaler Hauptbahnhof. Ein Haus am Hang, Gleis 6, die Scheiben einfachverglast. Aber ich war stoisch genug, um mich schließlich nur noch über Fahrplanänderungen und Personenschäden zu wundern.

Jeder Weg in die Stadt führte durch den langen Bahnhofstunnel, den die Wuppertaler nicht nur aufgrund seiner Form Harnröhre nennen. Der Tabakhändler kannte schnell meine Marke und die Kioskfrau meine Vorliebe für kleine Papiertüten mit sauren Stäbchen und Lakritzschnecken.

In sechs Jahren lernte ich im Vorübergehen den Tagesablauf aller Menschen kennen, für die der Tunnel mehr als nur ein Verkehrsweg war. Ich wunderte mich nicht mehr darüber, dass Jehovas Zeugen das Armageddon ausgerechnet in dieser relativ weltuntergangsresistenten  Röhre erwarteten. Irgendwann kannte ich auch alle Wohnungslosen und wusste, wer nachts vor welchem unterirdischen Friseursalon campierte und wer nach einer geschenkten Zigarette nicht in Nachverhandlungen eintrat.

Die Konstante des Tunnels, auf die ich mich täglich freute, war die Gitarristin, deren Namen ich nie erfahren habe. Ihr Stammplatz war zwischen Bahnhofsbuchhandlung und Tabakladen, ein gemauerter Zwischenraum – gerade mal zwei Ziegel breit. Der kleine Spalt reichte ihr als Bühne für ihre Auftritte. Ihre sparsamen Bewegungen und ihre Gestalt passten zu diesem Minimalismus.

Sie war so alt wie ich, erschreckend dürr und unterstrich ihre Karl-Valentin-Figur durch weite selbstgestrickte Pullover. Ein plustriger Minipli ließ ihr Gesicht vogelartig erscheinen. Doch ihre Folkstimme schlug alle Durchsagen, übertönte das Grundrauschen der Passanten und der Rolltreppe zum Reisezentrum. Nie hatte ich jemanden so wunderschön singen hören.

Ihr Lieblingslied „Leaving On A Jet Plane“ schnitt glasklar durch den Tunnel und war bis auf das Gleis zu hören. Dank ihr verstand ich, dass dieses Lied nun wirklich nicht  von Flugreisen handelte. Sondern eigentlich nur von allen anderen Abschieden, die noch kommen würden und für die ein gepackter Koffer nützlich wäre.

Zugleich war jeder Akkord ihrer Gitarre, jede Zeile des Liedes eine Vertonung ihrer eigenen Ortlosigkeit. Ihre traurige Gestalt wollte sich und anderen Mut machen. Und zwar nur an diesem Ort des Kommens und Gehens. Ich sah sie in den Jahren mit ihrem Gitarrenkoffer mal durch Straßen und Parks spazieren, einmal sogar an den Zaun eines Fußballplatzes gelehnt – spielen hörte ich sie nur zwischen Tabakladen und Bahnhofsbuchhandlung.  Ihr Leben in diesem Tunnel ließ sie schneller altern als mich, sie wurde noch magerer und irgendwann war sie verschwunden.

Dreizehn Jahre nachdem ich sie zum ersten Mal gesehen hatte, traf ich sie wieder. Die karitativen Verbände luden am heiligen Abend zu einer großen Weihnachtsfeier für Wohnungslose und Einsame in der Stadthalle und ich hatte mich als Hilfskraft gemeldet. Mein Part war es, eine Tafel von dreißig Personen mit  Braten, Rotkohl und Klößen zu versorgen. Es war laut, warm, lustig und melancholisch.

Nach dem Essen die Festansprache. Der Bürgermeister war verhindert und ein Beigeordneter hatte Mühe, sich Gehör zu verschaffen. Das wenige, was durchdrang, war ohnehin erwartbar. Nach seiner Rede schob ein Pastor das Mikrofon in die Bühnenmitte und eine Gitarristin mit Minipli tauchte hinter ihm auf. Sie sprach kurz über die Veränderung, die ihr Leben in der letzten Zeit genommen hatte. Zum Glück gehörte dazu auch eine nagelneue dunkelrote Cordhose und eine deutliche Gewichtszunahme.

Dann griff sie ihre Gitarre und spielte zum ersten Mal außerhalb des Bahnhofs. Mit einem richtigen Mikrofon und auf der Bühne, auf der sonst Startenöre auftraten. Bei „Don’t know when I’ll be back again“ musste ich sehr dringend mit einem Tablett in die Küche.

Dieser Beitrag wurde unter Feuilleton veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

8 Gedanken zu “Wuppertal Hbf

  1. War das die Gute mit rötlichen gelockten Haaren ? Wenn ich mich nicht täuschen dann dürfte meine Erinnerung an sie und ihren Gesang recht weit zurückliegen, vielleicht sogar bis ca Ende der 80er ? Da durfte ich den Tunnel mindestens zweimal täglich passieren, dann gab’s erstmal eine längere Pause wegen Schulwechsel. Aber ihr Gesang war mir aufgefallen und ein kleines Highlight am Morgen.

  2. So eine schöne Geschichte aus dem alten Pisstunnel, aber sehr wahr. Ich meine, sie nennt sich Angi, und ihre Stimme ist wirklich umwerfend.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s