Striptease

1987 hieß RTL noch „RTL plus”, sendete gerade mal acht Stunden lang und der Programmhöhepunkt war Knight Rider. Von einer Marktführerschaft war man weit entfernt, von Reichweiten im terrestrischen Antennennetz auch. Der Empfang auf meinem Grundig-Gerät ließ sich nur steigern, indem ich alle abwärts führenden Kabel im Antennenschacht des Mehrfamilienhauses auf meinen Anschluss lötete.

Wie geradezu rührend keusch die 1980er Jahre waren, lässt sich gut an der fünfminütigen Stripshow zum täglichen Programmschluss gegen 23 Uhr ablesen. Als „Betthupferl“ zogen sich Speditionskaufmänner und Metzgereifachverkäuferinnen vor einer sparsamen Deko aus. Meist war das einzige Requisit der Stuhl, über den sie ihre schultergepolsterten Blusen warfen. Die laienhafte Vorstellung eines professionellen Lap Dances wurde dabei musikalisch von Samantha Fox und Bon Jovi untermalt. Die Sorte Musik, die man im Autoradio hört, sobald man die Moseltalbrücke Richtung Süden überquert hat.

In der – vermutlich von Nostalgie geprägten – Rückschau war diese unbeholfene Erotik, die vor allem im Zeilenfall des Fernsehers knisterte, aufregender als die der Jetztzeit. Amateure, die nach dem Fall der Unterhose blitzschnell ihre Jackson-Five-großen Schamhaarbüsche mit der Hand bedecken, lassen der Phantasie einfach mehr Raum als die darmspiegelnde Nacktheit des Internets.

Fotos: Serie von SX-70 Polaroid-Screenshots, 1987

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