Eins muss man dem Internet lassen: Es hat nicht nur die Geschwindigkeit und die Form von Informationsverbreitung verändert, es hat im Umfeld einer bis zur Kenntlichkeit bearbeiteten Amateurfotografie auch die Frage nach der Wahrhaftigkeit von Kommunikation neu entfacht.

Authentizität ging plötzlich allen ganz leicht über die Lippen. Besonders seit Version 2.0 der Netzgeschichte ist das vermeintlich Echte das Zauberwort. Die weltweite Verbreitung einer möglichst banalen persönlichen Nachricht, das ist die Fallhöhe, aus der die Möglichkeit zum schnellen und persönlichen Eingriff in den Nachrichtenstrom des Netzes seinen Charme bezieht. Oder wie es Tim Siedell alias @badbanana sagt: „China hat Twitter blockiert. Jetzt haben 1,3 Milliarden Chinesen keine Ahnung, was ich zu Mittag esse.“

Die Kongruenz zwischen Lebensführung und Lebensäußerung gilt als besonders „echt“. Im Web 2.0 empfinden viele Schreibende die persönliche Nähe zum Geschriebenen als Vorsprung vor dem herkömmlichen Journalismus. Allerdings ist die eigene Betroffenheit nicht unbedingt so eine gute Basis für Neutralität und möglicherweise ist die Unbezahltheit zwar vordergründig nicht „böse und korrupt“ – macht es aber umso schwerer, auch mal ohne Ergebniserwartung in zwei Richtungen zu recherchieren. Und eine Geschichte dann gar nicht oder ganz anders zu schreiben.

Um es schnell wieder niedriger zu hängen: Natürlich dokumentieren die Kuschel-Bloggerinnen von Utah bis Tallinn mit sprachlichen und fotografischen Mitteln ihre eigene Wohnung. Aber in der gleichgeschalteten Sehnsucht nach dem Marmeladenkochromantik-Cocooning ist ihre Sprache und Bildsprache vorhersehbar und längst von der Industrie gierig aufgesaugt.  All diese zugequilteten Sofas, diese Eames-Chairs und im Sprung unscharfen Deko-Katzen. (Vermutlich eine Photoshop-Aktion.) Viele weibliche Blogs sind durch eine harte Apartmenttherapy gegangen, der zweite Vorname von Modebloggerinnen lautet „Carrie“ und jede mit Instagram veröffentlichte Frikadelle möchte ein Hackbraten von Julia Child sein. Die eigene Wahrheit will doch viel lieber einen Style als eine Selbsterkenntnis.

In diesem Zeitalter nach dem Zeitalter, in dem sich Madonna noch ständig neu erfand, ist  Authentizität zwar nach wie vor die Behauptung der „Eigentlichkeit“, aber eigentlich ist sie viel mehr die Perfektionierung der Verschleierung einer Täuschung.

Es ist egal, ob ich im Chat von den Freuden meines Managerlebens berichte, im Facebook-Album sonnengegerbt vor der „Sansibar“ sitze oder mir unter Schmerzen ein Wortspiel über vermeintlichen Liebeskummer abringe: Jeder, der sich in Echtzeitmedien bewegt, gibt von sich preis, was er preisgeben möchte. Bewusst handelnd oder unbewusst Vorbildern folgend, gießt er es in eine Form und spielt auch mit der Frage, ob die Projektion des Lesenden nicht möglicherweise besser mit einer geschönten Wahrheit umgehen kann.