Februar 1988. Meine Freundin liegt in einem Zweibettzimmer im Klinikum auf dem Bonner Venusberg. Eigentlich sehr ruhig. Bis auf die quietschenden Reifen auf dem Gang. Draußen trainiert Salah Shabini mit seinem Rollstuhl. Er ist gerade eben dreizehn Jahre alt geworden und bedient die beiden großen Hinterreifen wie ein Sportgerät . Vorbei an seinen Wheelies und Powerslides balancieren Pflegerinnen die Plastikhauben mit Erbsen und Möhren.

In seiner Waghalsigkeit stürzte er von einem  Klettergerüst in Teheran. Die Hoffnung, es könne sich um eine operable Wirbelkörperfraktur handeln, ließ seine Eltern ihr Erspartes in einen Flug nach Deutschland umsetzen. Aber es ist nur genug Geld für diesen einen Flug vorhanden und nach der endgültigen Diagnose Querschnittlähmung bricht der Telefonkontakt ab. Das letzte Gespräch ist jetzt vier Monate her und Salah weiß das noch nicht. Die Klinik setzt hinter den Kulissen alles in Bewegung, um die Eltern zu erreichen und richtet zugleich Salah, der eigentlich längst in einer Rehabilitations-Klinik besser aufgehoben wäre, ein kleines Stück Alltag ein.

Er kann ein bisschen Englisch, inzwischen sogar ein wenig Deutsch und beherrscht vor allem ein charmantes Ganzkörper-Esperanto, das keine Lähmungserscheinungen kennt. Als Ortskundiger zeigt er mir die Klinik, führt mich in Räume, die eigentlich für Besucher verboten sind und stellt mir seinen Kosmos vor. Dass er längst die Ahnung hat, seine Eltern könnten ihn vielleicht nie abholen werden, ahnt man nur in der Zehntelsekunde, in der der mitgebrachte Kaugummi platzt und einen zu frühen Blick in seine Augen freigibt.

Wie es weiterging für Salah, der heute 36 Jahre alt ist, habe ich nie erfahren. Ich bin sicher, es geht im gut.