Never Mind the Bollocks

Ein Sommeridyll am Wasser. Kaum ein Windhauch, angenehme 24 Grad. Gleich am Ufer baut ein junger Deutschrusse seinen Grill auf. Er hat Kohle, Brandbeschleuniger und vor allem – kein Grillgut. Offenbar haben ihn seine Freunde versetzt. Seine Pose wechselt zwischen der des selbstbewussten Kugelgrill-Besitzers und der hyperaktiven Verzweiflung, ein Feuer entfacht zu haben, das ganz fleischlos vor sich hin lodert. Im Minutentakt zückt er sein Klapphandy und wird mit jedem Anruf ärgerlicher. Er möchte an diesem Samstagabend so gerne ein echter Mann sein, kippt aber wie ein Stimmbrüchiger immer wieder in eine kindliche Ungeduld.

Vor ihm, auf einer Dreigenerationen-Decke, lagert eine Familie. Das Kind krabbelt, Eltern und Oma simulieren in Grasnarbennähe pädagogisch wertvolle Knochenlosigkeit. Nur der Großvater steht.

Gute siebzig Jahre, bestens erhalten und modisch abenteuerlustig. Zum gestreiften Businesshemd mit weißem Kontrastkragen trägt er eine Gastwirts-Lederweste. Sein Gesicht ist tiefbraun und seine beneidenswert keilförmige Curd Jürgens-Figur macht ihn zu einer stattlichen Erscheinung. Mit verschränkten Armen peilt er mal hierhin, mal dorthin und scheint gedanklich vom familiären Wolldecken-Ensemble abgekoppelt. Ab und zu beobachtet er den Jungen, der um seinen Kugelgrill herumtanzt. Seine Miene bleibt ohne Regung, nicht einmal die selbstmörderischen Flammenwerfer-Spiele mit dem Brandbeschleuniger bringen seine Augenbrauen in Bewegung.

Die Szene beobachtend, fühle ich mich plötzlich als Mittelgeneration zwischen den beiden und pendle mit den Augen zum nervösen deutschrussischen Hip-Hop-Style am Ufer und zurück zum Siebzigjährigen. Und bin erschrocken, weil mir bewusst wird, dem Älteren der beiden sogar in Jahren näher zu sein.

Als Babyboomer gehöre ich zu denen, die nicht wie ein Hummer in das heiße Wasser eines irritierenden Informationszeitalters geworfen wurden. Meine Generation hat begonnen, sich für Musik zu interessieren, als „Never Mind the Bollocks“ noch nicht erschienen war und Pop gerade eben begann, sich zu diversifizieren. Es gab drei schwarz-weiße Sender und Ende der 80er saßen wir zum ersten Mal staunend vor 9.6k Modems und warteten auf den Aufbau von BTX-Seiten. Bis jetzt waren wir nie zu alt für den nächsten Schritt.

Hier auf meinem Stuhl in der Sonne sitze ich nun in der Mitte zwischen einer Generation, die sich lediglich entscheiden musste, ob sie sich auf die Seite von Rudi Schuricke oder Chuck Berry schlägt. Und einer, in der die Grenzen zwischen den Gruppenzugehörigkeiten zerfasern. Deren komplizierte Chiffren für mich jedoch nur noch andeutungsweise zu lesen sind.

Der zwanzigjährige Solo-Grillmeister empfängt seine unpünktlichen Freunde. Angewinkelte Testosteron-Fäustchen treffen sich in Schulterhöhe und die tiefgefrorene Grillplatte für 3.99 Euro rasselt klirrend auf den Grillrost. Im Vordergrund nimmt der Großvater eine Frikadelle aus der Tupperbox in Empfang und isst sie manierlich aus einer Advents-Serviette.

Jetzt, so mitten dazwischen, frage ich mich, wie wir Babyboomer uns in 25 Jahren am Strand treffen werden? Wird uns die Weigerung zu altern, zu lächerlichen Figuren machen? Werden wir in pastellfarbigen Freizeitanzügen auf der Wolldecke sitzen und uns über die Musik unserer Jugend unterhalten? Werden wir weiter versuchen, Stile zu imitieren, die uns ohnehin nur noch als kommerzialisierter Mainstream erreicht haben? Werden wir endlich alt sein dürfen oder müssen wir unseren Hüftschaden unter Baggy-Pants verstecken?  Vielleicht können wir aber auch einfach nur auf das Wasser schauen und mit etwas Glück ist sogar noch eine Frikadelle übrig.

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3 Gedanken zu “Never Mind the Bollocks

  1. Ja, schöner Text. Bin ja auch eher der Frikadellentyp. Sehe es allerdings etwas, hmm, weniger streng. So wie wir „Jugend“ neu definiert haben (oder gerade so vor uns neu definiert wurde), so werden wir auch „Alter“ neu definieren. Und so wie es bereits heute „alte“ Junge gibt, was Neugier und Entspannheit angeht, so wird es (und hat es auch immer gegeben) „junge“ Alte geben. Nur weil ich alt bin, muss ich auf einmal nicht Volksmusik gut finden, und weil ich alt bin, kann ich mich für neue Musik begeistern. Warum nicht? Wie gesagt: wir definieren auch das um. Wobei ewige Jugend nicht erstrebenswert ist, zugegeben, das war doch auch eine Zeit mit verdammt viele Langeweile und Verzagtheit.

  2. Ein sehr schöner Text.
    Die Frage, ob es ein Fluch oder ein Segen ist, Digital Native zu sein, ließe sich hier wunderbar anschließen (ohne sie je wertend beantworten zu wollen…).

    Danke für die Perspektive,
    Felipe

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