In ihrer Stadt gab es keinen Bahnhof, kein Museum und keine Philharmonie. Das war ihr egal, weil sie kaum verreiste, sich nur mäßig für Kunst interessierte und Bach nicht von Schubert unterscheiden konnte. Überhaupt ging sie nur ungern unter Menschen. Deshalb freute sie sich über einen besonderen Luxus ihrer Kleinstadt, den sie bei ihren seltenen Ausflügen mit dem Seniorenclub in keiner Metropole gesehen hatte.

Frühmorgens, wenn noch alles schlief, nahm sie ihre Einkaufstasche von der Garderobe und spazierte durch die dunklen Straßen. Schon von weitem sah sie den Blumenautomaten leuchten, der am Vorabend mit kleinen Sträußen für vergessliche Liebhaber bestückt worden war. Ihre Lieblingssorte, die roten Nelken, schien nicht mehr hoch im Kurs zu stehen. Für acht Euro öffnete sich die Klappe und der Strauß verschwand in ihrer Einkaufstasche. Eine Woche lang würde sie nun beim Kaffeetrinken dem Verfall der Blüten zuschauen und hoffen, dass die Nelke auch weiterhin die unbeliebteste Blume im Automaten bliebe.