Wenn sich Medien zu sehr lieben

Passbildautomat, sich selbst fotografierend. Fotoarbeit 1988

Die Zeitspanne, die einem Medium verbleiben, bis es beginnt, sich selbst zum Mittelpunkt der mit ihm transportierten Botschaften zu machen, verkürzte sich in den vergangenen einhundertsiebzig Jahren rapide. Fast sechzig Jahre vergingen nach der Erfindung der Fotografie, bis sie sich um die Jahrhundertwende in der Fotografie der Art Nouveau selbst thematisierte: Nicht das Motiv, sondern das visuelle Erlebnis des Sehens und seiner technischen Reproduzierbarkeit waren plötzlich bildwert. In der Konzeptfotografie der siebziger Jahre gingen viele Fotografen noch einen Schritt weiter und reduzierten ihre Arbeiten allein auf den technischen Prozess des Fotografierens und erkundeten Bereiche, in denen die Fotografie zwangsläufig versagen musste. John Hilliard fügte Fotoserien die vierte Dimension hinzu und belichtete sein Filmmaterial in länger werdenden Zeiträumen bis hin zum reinen Weiß und Charles Wilp fotografierte in seinem Atelier nur noch die leere Hohlkehle…

In dem Moment, als das Publikum in den Vorführsälen um die technischen Möglichkeiten der Cinematographie wusste, konnte auch das Kino den Vorgang des Filmemachens auf der Leinwand spiegeln. Gegenstände, die sich im Stopptrick bewegten, Figuren, für die die Naturgesetze außer Kraft gesetzt wurden, die kopfüber durch Zimmer spazierten. In diesem frühen Stadium lässt sich jedoch sicher noch nicht vom Film als selbstreferentiellem Medium sprechen – noch dienten die Mechanismen des Films als Mittel zur Unterhaltung und wurden nicht um ihrer selbst willen genutzt. Noch galt, dass ein Medium zunächst über eine hinreichend lange Geschichte verfügen muss, bevor diese Geschichte zum Thema werden konnte. Eigentlich erst in den vierziger Jahren, mit dem Beginn der „schwarzen Serie“, bei der die gesamte bekannte Ikonographie des Kinos scherenschnitthaft in die Handlung einfloss, war das Kino an dem Punkt angelangt, an dem es sich über sich selbst Gedanken machte.

Das Fernsehen, dessen Sendungen von vornherein auf serielle Fertigung angelegt waren, brauchte gerade mal ein Dutzend Jahre, bis es die Nabelschau als Stilmittel für sich erkannte. Der Wiedererkennungswert der Ritualisierung von Handlungen war in das Konzept jeder erfolgreichen Spielshow implementiert: Der Kandidat mit den „99 Punkten“ (Vico Torriani) ging ebenso in den aktiven Sprachschatz der Deutschen ein wie die Frage nach dem „Schweinderl“ (Robert Lemke). Dietmar Schönherr war einer der ersten, der nicht nur die Rituale einer einzigen Sendung ritualisierte, sondern ganz offen lesbare Querverweise zu anderen Produktionen einbaute. So war dem Publikum das Design seines Kommandostandes in „Wünsch Dir was“ bereits aus der Raumpatrouille Orion hinlänglich bekannt. Das in den Anfangsjahren der Lindenstraße oft ins Bild baumelnde Mikro wurde von Fans nur zu gern als bewusster Verfremdungseffekt gefeiert.

Die Vorbestimmung zur Selbstreferentialität trug das Internet bereits in seiner Muttersprache in sich: Schließlich ging es von Anfang an darum, von einer Seite auf die nächste, von einer Site auf eine andere zu verweisen. Relevanz bedeutete immer auch, in erster Linie zum Ziel von Links zu werden – diese simple Mechanik bestimmte mehr als in jedem anderen Medium auch den Inhalt. In dieser in sich verlinkten Welt ist das „Draußen“ zwangsläufig ein Störfaktor. Was sich heute – in den Anfängen des „Echtzeitnetzes“ – nur in den Bereichen auflöst, in denen das Netzleben nicht zur Dokumentation des realen Lebens wird, sondern zum Kooperationsmedium wächst. Mit den technischen Möglichkeiten zur gemeinsamen Arbeit an einem Text, einem Musikstück oder einer Debatte, die nicht nur zitiert, sondern sich in eine neue Richtung bewegt. Die technische Möglichkeit, seinen aktuellen Aufenthaltsort per Gowalla oder Foursquare im Netz abzubilden, ist eher eine Gegenbewegung, die zur Virtualisierung des Privaten führt. Es mag scheinbar zum Sozialkontakt mit Menschen führen, die man ohne Netz nie kennengelernt hätte: Aber wer freut sich schon auf ein Gegenüber, dessen Gesicht zu großen Teilen von einem Smartphone verdeckt wird?

Bereits Anfang der 90er Jahre endete mein erster Aufenthalt im Netz – noch nicht im Internet, sondern im Datendienst Datex-J – in einer Chatbox. In einer Zeit, in der nicht nur die Online-Zeit teuer, sondern nahezu jeder Seitenaufruf kostenpflichtig war, noch das günstigste Angebot. Nur lesend staunte ich über das Mitteilungsbedürfnis von Teilnehmern, die trotz Lese-Rechtschreibschwäche munter in die Tasten hämmerten. „Hallööchen ihr da draußen“, flimmerte es über den Bildschirm. „Von wegen draußen” kam Sekunden später die Antwort, „wir sind hier!”

[2009, reblogged]

2 Gedanken zu “Wenn sich Medien zu sehr lieben

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s