Ein Frauenschicksal

In ihrer Wohnung angekommen, legt sie den Einkaufsbeutel auf den Küchentisch. Kantig stechen die Tiefkühlpackungen aus dem roten Nylon. Zwei Klötze Gefriergut, Kochbeutelreis und halbtrockener Sekt, zusammen gerade mal zehn Euro. Früher mal ein lächerlicher Betrag für sie, heute eine Position, die sie in einem Schulheft notiert.

Sie geht ins Bad, klappt den verspiegelten Kunststoffkasten auf und zieht ihre Augenbrauen nach. Kurz probiert sie ein Lächeln. Nicht schlecht für 64. Aber eben nicht mehr wie mit 33. Damals war ihr Sonntagsmenü opulenter als die Packung Klopse eines westfälischen Discounters und ihr Gegenüber beim Lächeln nicht der Spiegelschrank einer anonymen Wohnungsgesellschaft.

Damals, das ist 1980. Helmut Schmidt hatte gerade gegen Strauss gewonnen. Sie war gerade 33 geworden und seit ein paar Monaten Chefsekretärin. Von ihrem ersten hohen Gehalt hatte sie sich einen schmal geschnittenen Lederrock gekauft. So könnte die Geschichte jetzt endlos weitergehen, aber mal was ganz anderes: Wer bin ich, ein trauriges Frauenschicksal zu beschreiben? Nur weil die verhärmte ältere Frau, die vor mir an der Kasse steht, den Warentrennstab so brutal vor meine kerngesunde Frischkost knallt und meine Assoziationen mit mir durchgehen? Schäbiger Lederrock übrigens – so etwas sollte man in Deinem Alter nicht mehr tragen. Den halbtrockenen Sekt habe ich auch mal gekauft, weil ich im Supermarkt zu eitel war, die Lesebrille aufzusetzen. Wirst schon sehen, was der für brüllende Kopfschmerzen produziert. Blöde Kuh.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s