Anfang der 80er Jahre saß ich oft in der Zeitungsredaktion einer kleinen Stadt. Jeden Tag kamen mit der Post die Leserbriefe und an den Umschlägen und Briefbögen konnte man erkennen, in welchem der beiden örtlichen Schreibwarengeschäfte eingekauft wurde. Auf der Rückseite stand der Name des Absenders – mal in Schreibschrift, mal als Stempel oder Adressetikett. Anonym war das nie, meist kannte man den Briefschreiber sogar und wusste beim Öffnen schon, was einen erwartete.

Das waren große Themen und teilweise gewagte Bildsprünge wie der „Dank des Vaterlands, der auf tönernen Füßen steht“. Oder die ehrliche Empörung über ein lokales Ärgernis. Mitunter haben wir beim Lesen gelacht und bei extremen verbalen Ausfällen haben wir sogar den Absender angerufen. Um uns rückzuversichern, dass das, was im Eifer des Gefechts formuliert worden ist, mit dem Abstand von einem Tag noch immer so gemeint war. Nicht um zu zensieren, sondern um den Autor vor sich selbst zu schützen, eine Kleinstadt ist schließlich ein sensibles Biotop.

Die Kommentarspalten des Internets und die Möglichkeiten, sich ungefiltert in Echtzeit zu äußern, haben alle Zwischenschritte der Besonnenheit aufgehoben. Kein Briefpapier muss gefaltet, keine Marke gekauft werden. Ohne den kathartischen Fußweg zum Briefkasten macht ein Druck auf die Return-Taste aus einer Emotion einen weltweit lesbaren Beitrag.

Medienkompetenz reduziert sich dabei auf die mechanistische Fähigkeit des Bedienens von Geräten und die Niedrigschwelligkeit der Möglichkeiten senkt offenbar vor allem zwischenmenschliche Beißhemmungen. Dass sich um jeden noch so armseligen Inhalt Gleichgesinnte zu Gruppen sammeln, spielt den Stänkerern in die Hände. Ihre größte Freude ist die maximale Eskalation, in deren zeitlichem Ablauf ihr vergiftetes Anfangsstatement regelmäßig geradezu besonnen wirkt.

Ich wünsche mir eine Zeit zurück, in der die Wut beim körperlichen Vorgang des Schreibens verraucht. Eine Zeit, in der der Brief noch einmal gelesen werden muss und keine Delete-Taste und keine Rechtschreibhilfe die Zeichen des Übereifers tilgen. Den langsamen Gang zum Briefkasten. Und das gesunde Korrektiv, sich den Menschen, die man beschimpft, mit Namen und von Angesicht zu Angesicht stellen zu müssen. Vielleicht gibt es dann nämlich aufs Maul. Oft sogar zu Recht.