Das Gebetbuch

In der Stadt nannte man ihn den frommen Rentner mit dem grauen Anzug. Zwar nahm er nicht aktiv am Gemeindeleben teil, doch jeden Sonntag stand er am gleichen Platz im Seitenschiff der Kirche, betete lautlos und sang die Choräle leise mit. Nach dem Gottesdienst sprach er hier und da ein knappes Wort, warf seinen Banknachbarn einen zurückhaltenden Abschiedsgruß zu und ging zurück in seine Wohnung.

Zu seinen Ritualen gehörte die tägliche Tasse Kaffee in der Konditorei neben dem Tabakladen. Sein Weg führte ihn dabei quer über den Marktplatz, vorbei an dem Brunnen, neben dem seit Jahren derselbe Obdachlose saß. Ein Buchhändler, den die Fliehkraft des Schicksals nach der Trennung von seiner Frau aus der Spur einer bürgerlichen Existenz getragen hatte. Nie sah man den frommen Mann etwas in die Geldschale des Bettlers legen, aber manchmal rauchte eine stumme Zigarette mit ihm.

Eines Tages kam er aus seinem Stammcafé, überquerte den belebten Markt und stoppte kurz in Höhe des Brunnens. Zum ersten Mal überhaupt, so erzählte man sich später spöttisch, habe er dem Bettler etwas in seine Schale gelegt. „Und ihr ahnt nicht was – ein altes Gebetbuch. Was für ein heuchlerischer Frömmler.“ Die Anekdote mit dem Gebetbuch machte die Runde, der fromme Rentner mit dem grauen Anzug wurde seitdem misstrauisch beäugt.

Den Bettler allerdings sah man seit diesem Tag nicht mehr in der Stadt. Sein Platz am Brunnen blieb leer. Erst als der fromme Rentner drei Jahre später unvermittelt starb, tauchte der ehemalige Buchhändler wieder auf und stand während der Trauerfeier still im Seitenschiff der Kirche. Später, auf dem Friedhof sprach man ihn an; er habe sich verändert, gut sehe er aus und was für eine gepflegte Erscheinung er inzwischen sei. Und natürlich machte man sich auch über die Episode mit dem Gebetbuch in der Bettlerschale lustig.

„Es war kein normales Buch, sondern ein wertvolles antiquarisches Stück“, sagte der Bettler, der einmal Buchhändler war. „Zwischen die Seiten hatte mir der fromme Rentner mit dem grauen Anzug eine kleine Botschaft gelegt.“ Was darauf gestanden habe, wollten die neugierigen Trauergäste wissen. „Auf dem Zettel stand: Du kennst den Wert dieses Gebetbuchs. Verkauf das Ding. Gott tut sich schwer mit Frakturschriften. Das Wort „Mietkaution“ kennt er allerdings gut.“

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3 Gedanken zu “Das Gebetbuch

  1. Buchhändler! Ein eigen Völkchen, in vielerlei Richtung. Ich gehöre richtig gerne dazu – auch wenn es anhaltend Belächeln und hochgezogene Augenbrauen dazu gibt.

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