Erfolg ist doch auch immer nur dasselbe.

Wer heute wegen seiner vielen Fähigkeiten und Interessen als „Universalgenie“ gelobt wird, sollte sich vergewissern, ob er nicht Reste seines Frühstückseis auf der Krawatte trägt. Das Wort hat einen schlechten Ruf bekommen und das letzte lebende Universalgenie ist vermutlich Bud Spencer, der italienische Leistungsschwimmer, Jurist, Schauspieler und Erfinder eines Türschlosssystems.

Ansonsten – alle tot: Der Physiker Albert Einstein, dem das Lernen mathematischer Formeln bedeutungsloser war als die Suche nach der Weltformel. Unterbrochen von einem hingebungsvollen Geigenspiel. Oder der Mann mit den 1093 Patentanmeldungen, Thomas Alva Edison. Er machte es möglich, die letzte Reise zu Klängen eines Edison-Phonographen unter einer Edison-Kohlefaden-Glühlampe auf dem von ihm entwickelten Elektrischen Stuhl anzutreten.

Multitalente gehen in einer auf Multitasking optimierten Welt unter. Bildungspolitiker, die glauben, ein Bachelorstudium von sechs Semestern könne auch nur Spurenelemente eines Studiums Universale enthalten, naschen auch Kinderschokolade wegen ihres hohen Milchanteils. Der Weg zum Erfolg hat heute bonobohafte Züge: Womit auch immer man sich beschäftigt, man muss es nur lange genug penetrieren. Irgendwann wird schon Liebe daraus. Ein tautologischer Darwinismus, dessen Endziel nur die Summe von absolvierten Teilzielen ist.

Ein Fotograf wie Henri Cartier-Bresson, der seinen „decisive moment“ in einem weltweiten Flanieren fand, er wäre heute undenkbar. Einem breiteren Publikum bekannt werden nur noch Fotografen, die rote Sofas in Industriebrachen stellen oder Flachzangen, die im Monatstakt irgendwelche Scharen von Unbekleideten im öffentlichen Raum zusammentreiben.

Schriftsteller, deren Bären- und Ringerobsession nach fast drei Jahrzehnten mittlerweile in einem Stadium wunderlicher Altersgeilheit angekommen ist und deren leinengebundene Schinken gerade wegen ihrer Serialität nicht enttäuschen können. Spricht man die Leser auf den neuen Roman an, kommt ohnehin nur ein verzücktes: „Ein echter Irving eben!“

In diesem System, das zunehmend auf Berechenbarkeit setzt, sind Politikerkarrieren nicht der Spiegel der Gesellschaft, sondern ausnahmsweise sogar die Avantgarde. Der Bundestag sitzt voll mit Volksvertretern, die bereits als Jugendliche mit Elan für ein besonders abgelegenes Teilstück des öffentlichen Nahverkehrs gekämpft haben und sich als sachkundiger Bürger, Kommunalpolitiker, Kreis- und Landtagsmitglied durch alle Institutionen hochgemendelt haben. Dank fachkundiger Referentenentwürfe und allgegenwärtigem Fraktionszwang fällt ihre monothematische Interessenlage nicht weiter unangenehm auf.

Der Nachteil an dieser Karriereform ist allerdings die zeitliche Datierung von Ereignissen. Picasso hatte Phasen – eine Schauspielerin wie Christine Neubauer nicht. Angesprochen auf einen ihrer 108 Filme, die die ARD in Heavy Rotation zeigt, wird sie vermutlich nur sagen können: „Ich erinnere mich dunkel. War ich da nicht diese durchgeschepperte präklimakterische Wuchtbrumme, die nach einer Affäre mit dem Waldarbeiter doch mit dem Tierarzt durchbrennt?“

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