Menschen in vollen Zügen

Menschen, die das Großraumabteil des ICE in Frankfurt wie ein Sondereinsatzkommando betreten. Die Freakmutter, der die Knobelbecher-Klötze aus der Schlagjeans staken. Die ihr kuhäugiges Kind mit der geföhnten Innenrolle als Platzhalter missbraucht „los-setz-dich-schon-mal-ich-such-noch-was-besseres“ und danach ihre Alleinerziehenden-Power in energischen Laufschritt umsetzt. Weil sie schon immer was Besseres gesucht hat, in jeder Beziehung und  später dann ohne Beziehung. Damit ist sie doch eigentlich gut gefahren, gut, im Moment läuft es Scheiße, aber irgendwie kriegt sie doch jeden Mittag was Ordentliches auf den Tisch. Vegetarisch sogar. Wenn sie ehrlich ist, auch aus Kostengründen.

Was nervt, sind diese frisch verliebten Paare, die nicht Händchen halten, sondern Ketten bilden, mit denen sie den Gang verstellen. Paare, denen man beim Verliebtsein ausnahmsweise gar nicht gerne zusehen möchte, weil Liebe doch manchmal auch so offensichtlich nur der Versuch ist, der Verzweiflung der Einsamkeit ein grausames Schnippchen zu schlagen. Getroffen auf irgendeiner Ü- oder U-Party, ihre Hände haben sie dort mehr oder weniger wortlos ineinander geschoben. Vor zehn Tagen erst. Auf einer biernassen Tanzfläche stehend, als alle anderen sich schon gefunden hatten, haben sie beschlossen, sich jetzt bloß nicht mehr loszulassen.

Jetzt 240 Stunden später, haben sie schon perfekt in ihre Rollen gefunden. Er hat sich Rasierwasser in ein bartloses Gesicht gerieben, dem man so sehr die Narbe einer scharfen Klinge wünschen würde. Nichts Schlimmes, nur so einen klitzekleinen Fehler, der ihm Kontur geben würde. Bei ihr ist es ein Nasenstecker, der dem wachsweichen Gesicht wenigstens ein bisschen Halt gibt. Trotzdem – der Chef ist jetzt schon er. Zwar erst kurz ein Paar, wollen sie eine dieser Städtereisen machen, von denen im Büro gesprochen wird. So streicht er auf dem Großraumtischchen immer wieder energisch über den Stadtplan und bläst das Wenige, was er über München weiß, in den Raum.

Er doziert über Föhn und Hofbräuhaus und ist sich seiner Sache so sicher. Obwohl jedes seiner Worte verrät, dass japanische Touristen diese Reise informierter und mit mehr Respekt vor dem Geist des Ortes antreten werden. Sie, die Frau, bleibt sehr zurückhaltend.  Noch ist sie nicht ungeduldig, bewundert seine Weltläufigkeit. Wenn sie ein Paar bleiben, was bleibt ihnen übrig, wird ihre Rollenverteilung bei der nächsten Städtereise dieselbe sein. Nur sein Schwadronieren wird lauter werden, um ihr Schweigen zu übertönen.

Das Glück, reserviert zu haben. Bis sich das schwitzende späte Mädchen in den Nachbarsitz drängelt. Was hat sie schon von dem Fensterplatz, auf dem sie aus Prinzip besteht. Es ist doch schon nach einer Minute beschlagen. Der Ingenieur, die Haare auf ein My gestutzt, Rolli seine 130 Zentimeter langen Beine weibisch übereinander geschlagen.  Grauer Rolli, schwarze Hose, bordauxfarbene Penny-Loafer. Als der dünne Mann aufsteht, wölbt sich seltsamerweise ein beachtlicher Po im oberen Bereich der Jeans.

Gomera-Bräune des Lehrerpaars. Weniger Bräune als Fassgerbung. Sechs Wochen Sommerferien sind zu lang. Er „Frankfurter Rundschau“, sie die GEW-Zeitung. Immer schon. Er SHB, sie SDS. Kinder hätten nie in ihr Konzept gepasst. Außerdem: beide Lehrer – man nimmt sich doch keine Arbeit mit nach Hause. Katze gerne. Ab und zu zeigt mal der eine, mal der andere in seine Lektüre und stößt den anderen an, was jeweils mit einer zynischen Grimasse quittiert wird.

Neben mir zwei Mädchen im Lillifee-Totaloutfit. Rosa, Magenta, pink, Aubergine – ein Horror, der die gesamte Rotskala der Spektralfarben umfasst. Muss ja nicht hingucken. Leider pupsen beide wie altersschwache Labradore und zeigen mit spitzen Schreien und einem Glitzer-Zauberstab in ihr Feenalbum. „Komm wir fliegen zusammen“ Zwei Plastik-Feen wirbeln an Gummischnüren durch die Luft. Bis sich eines dieser Hongkong-Monster in den total schönen Haaren verfängt. Geplärre, das nur mit rosafarbigem Zuckerschaum abgestellt werden kann. Ist ungesund, aber würde die Mutter eine weitere Linsensuppe an die Kinder verfüttern, ich würde es nicht überleben.

Der Blinde neben mir kann nicht sehen, wie schön ich blind schreiben kann. Erzählen kann ich es ihm allerdings auch nicht, denn er trägt einen Kopfhörer. Dabei habe ich ihm generös den Fensterplatz des späten Mädchens überlassen, statt selbst aufzurücken. Dass er sich möglicherweise von mir verarscht fühlt, schießt mir durch den Kopf. Ist aber offenbar nicht so, denn er genießt die Wärme der Wintersonnenstrahlen, die durch die staubige Scheibe auf seinem Gesicht tanzen. Das „Tonbandgerät“, das er auf seinem Schoß umklammert, ist kein Tonbandgerät, sondern ein PAC Mate BX400, dessen Braillezeile mittels Piezotechnik blitzschnell seine Form verändert. Ein graphisches Interface, auf dem er sich blind bewegt. Mit einer Vorstellungskraft, die weit mehr gedankliche Leistung erfordert, als mein Gehacke auf einer Tastatur.

Mehr Dialekt, als ich morgens vertrage. Kernseifig im Ton, krachledern in der Aussage. „I hätt auch sogn könnn, i geh net, i muss auf mein Kind aufpassn“. „Der Elternbeirot stösst a Grenzn, des geht nur bis zu einem Stadium und do is Schluss“ „I finds schwach, nicht wenigstens mal zum Elternabend zu kommen und zu schaugn, wos die Lehrerin vorhat“ „Madde is ihrs, Doitsch ned“ „Wenn sie im Digdod ne schlechte Node schreibt, ist die Lehrerin ned schuld“ „Do sogt er zur Jessica und do sogt mei Dochder und do sogd er – er sammelt Beweise, dass die Jessica sei Dochder ungrecht behondeld hod“

Die liebe Kirchenmusikerin mit dem Maxi-Jeansrock, der auf die Camper-Schuhe fällt. Warum haben die nie ganz schwarze, warum nie sehr blonde Haare? Warum immer dackelblond? Und warum, das interessiert mich am stärksten, würde ich mich niemals in eine Kirchenmusikerin in Maxi-Jeansrock verlieben? Obwohl ihr hübsches Gesicht offen und freundlich ist und ihre Figur ein Hammer. Soweit man das bei einem Maxi-Jeansrock beurteilen kann, scheitert ihre Anziehungskraft auf mich jedenfalls eindeutig nicht an den Hormonen. Warum will ich die Verletzten gesundlieben oder den Verletzenden ins offene Messer laufen? Statt mit Kirchenmusikerinnen kleine Jeansrock-Trägerinnen zu zeugen, Apfelmus zu kochen und Bach zu hören.

Später. München vorbei. Der Zug mäandert in der Herbstsonne durch ein Bilderbuch-Allgäu, man möchte 20 Cent nachschmeißen, damit die Fahrt im Glaskastenidyll der Modellbahnplatte nicht endet. Endlich Ruhe. Mir gegenüber steht ein grüner Lodenrucksack, daneben sitzt ein knallrotes Poloshirt mit schwerem Breitcord. Über dem Kopf der FAZ, Fahrtrichtung Lindau kommen mächtige Augenbrauen hervor, die mir sehr bekannt erscheinen. Kein Mann der leisen Töne und wenn er sich in denen mal vergreift, wächst in den Debattenspalten des Feuilletons kein Gras mehr. Wo der wohl aussteigen muss, um nach Überlingen zu kommen?

[Stand schon einmal im Blog, habe ich aber damals gelöscht, weil es mir zu gefühlig war…]

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4 Gedanken zu “Menschen in vollen Zügen

  1. Edit: Sie wurde rot, tänzelte nervös und ER wischte seine Unsicherheit in den Haaren der Kinder ab, die sich unter der fremden Zudringlichkeit weg duckten. Ihre Absätze waren zu hoch, ihre Haare zu blond, ihr Mund zu rot – aber sie passte zu ihm. Nur die Kinder – die störten im Bild.

  2. Och – mit Walser möcht ich auch mal im Abteil sitzen :-)
    Ich fahr nicht oft Zug und wenn, dann genieße ich den Zwang, mit Menschen konfrontiert zu werden, die ich mir nicht aussuchen kann. Nach der letzten Fahrt HH – Stuttgart und zurück war mir danach, darüber zu schreiben. ich hätts nicht so gut hinbekommen und mich von einem Klischee zum nächsten bewegt, sprachlich.
    Die Rückfahrt hab ich mir mit einer Exil-Polin und ihren beiden Kindern geteilt. Sie saßen nicht im selben Abteil, sondern drei Etagen weiter. Es blieb spannend bis zum Schluss, wohin sie reisen würde und warum. Sie war völlig overdressed, hatte ihre Kinder nicht im Griff, es war ein riesiges Geschrei, Tränen und Verzweiflung. Immer wieder waberte eine Wolke aus Deodorant, schlechtem Parfüm und Überforderung zu mir. In FFM stieg sie aus. Am Gleis kam ihr ein Typ mit einer Rose entgegen. Sie hatten sich noch nie gesehen, das war schnell klar. Sie nahm die Rose, die Kinder verstecken sich hinter ihr und vor ihm. Sie wurde rot, tänzelte nervös und wischte seine Unsicherheit in den Haaren der Kinder ab, die sich unter der fremden Zudringlichkeit weg duckten. Ihre Absätze waren zu hoch, ihre Haare zu blond, ihr Mund zu rot – aber sie passte zu ihm. Nur die Kinder – die störten im Bild.
    Und dann fuhr der Zug an und ich werde nie erfahren, was ihnen wurde :-)
    Zugfahren ist toll. Menschen in vollen Zügen sind es auch.

  3. Ja, die Menschheit ist schon schlimm. Mindestens genauso schlimm, wenn nicht gar schlimmer finde ich allerdings, wenn man sein Leben vermehrt oder gar vorwiegend damit verpl°^Wzubringt, sich darum zu scheren und auszulassen, wie schlimm doch die Menschheit ist. Da frag ich mich dann manschmal, warum tun Menschen das? Sind sie am Ende „vielleicht“ genauso schlimm oder vielleicht noch viel schlimmer? Was aber auch nicht weiter schlimm wäre, hihi.

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