Die Gesellschaftsschläferin

Ihr nicht gut gesonnene Menschen, es waren zum Glück nicht viele, hielten sie für eine Langweilerin. Einige weniger selbstsichere deuteten ihre Vorliebe für übergroße getönte Augengläser sogar als Arroganz und ahnten hinter den Brillengläsern einen spöttischen Blick, der sich über die Unzulänglichkeit seiner Umwelt amüsierte. Davon konnte jedoch gar keine Rede sein, sie brachte im Gegenteil inzwischen nicht einmal mehr die Kraft auf, auch nur den geistigen Kampf mit dieser Umwelt aufzunehmen. Sie war einfach nur durch und durch müde.

Früher einmal gab es Phasen, da steckte sie voller Tatendrang und gründete in ihrem Kopf noch vor dem Mittagessen ein börsennotiertes Unternehmen, um nachmittags mit einem Handstreich die Amazonas-Indianer zu retten. Natürlich blieb ihr in diesem gedanklichen Tempo einiges liegen, aber vieles schaffte sie dennoch. Sie lachte viel und wurde genauso oft enttäuscht, weil sich die Welt unter ihren Füßen in die falsche Richtung drehte. Irgendwann ein Stück zu weit und als sie das merkte, beschloss sie, sich erst einmal gründlich auszuruhen.

Immer öfter tauchte sie nun in beruflichen Sitzungen in eine Traumwelt ohne Dialoge mit einem naturnahen Bühnenbild. Dabei gelang es ihr, mit offenen Augen den Schein interessierten Zuhörens zu wahren und sie profitierte von der Geltungssucht männlicher Sitzungsteilnehmer, denen ein gehauchtes „Hmm“ aus einem Lippenstiftmund als Bestätigung ihres rhetorisch ausgefeilten Unfugs genügte. Widersprechen mochte sie ohnehin nicht, weil sie längst begriffen hatte, dass in ihr ein Universalwiderspruch gegen ein System herangereift war, der größer war als die Lächerlichkeit der konkreten Situation.

Für ein Leben als Bäuerin, von dem sie tagträumte, taugte ihre Konstitution nicht. Als Bistrobedienung – sie liebte das Ambiente von Espressobars und Markthallen – war ihre mit den Jahren gewachsene Maske der Unverbindlichkeit ein Hindernis. Nun war es durchaus nicht so, dass sie Menschen nicht mochte, nur eben nicht als an ihr zerrende und Reaktionen heischende Wesen. Sie mochte am liebsten, das wurde ihr mit zunehmendem Leidensdruck klar: schlafende Menschen.

Im Schlaf wich diese enervierende menschliche Spannung aus Körpern und Gesichtern, die Muskeln waren nicht damit beschäftigt, laute Geräusche zu produzieren und selbst ein Schnarchen war angenehmer als ein fades Gespräch. Der Schlaf, fand sie, war ihr Element, so wie es für andere Menschen das Wasser war. Sie genoss ihre Traumphasen zwischen Euphorie und Surrealismus und das Gefühl, ohne schlechtes Gewissen aufzuwachen, weil sich Luftschlösser praktischerweise von allein putzten.

„Gesellschaftsschläferin – seriös und erfahren“. So warb sie mit einer kleinen Anzeige in einer großen Tageszeitung, ohne sich zuvor Gedanken über ihr Honorar, die Erfolgsaussichten oder eine mögliche Missverständlichkeit ihrer Anzeige gemacht zu haben. Nachmittags klingelte zum ersten Mal das Telefon, ein älterer Herr war am Apparat. „Ich bräuchte Ihre Dienste morgen nachmittag. Für gewöhnlich schlafe ich zwischen 14 und 16 Uhr. Hätten Sie noch einen Termin frei?“

Ein wenig unsicher stand sie am nächsten Tag vor seinem Haus, im Rucksack vorsichtshalber eine Yoga-Matte, ein Kissen und eine Wolldecke. Was nicht nötig gewesen wäre, denn ihr erster Kunde hatte bereits ihr Lager gerichtet: Sie durfte sich auf einem breiten Chesterfield-Sofa niederlassen, während er in seinen Ohrensessel sank. Fast wortlos war ihre Begrüßung abgelaufen und erstaunlich genug, ihr Begriff des „Gesellschaftsschlafens“ schien auf Anhieb verstanden zu werden. Ihr Part war es lediglich, sie beide mit Mohairdecken zuzudecken und kaum fünf Minuten später waren beide fest eingeschlafen. „Ich habe lange nicht so gut geschlafen wie neben Ihnen“, stellte ihr Gastgeber später in der Küche bei einer Tasse Tee fest. „Wir werden das wiederholen und ich weiß schon jetzt, dass in meinem Bekanntenkreis ein großes Interesse am Gesellschaftsschlaf besteht.“

Ihr Geschäftsmodell sprach sich in den folgenden Monaten schnell herum. Medien wollten, in der Hoffnung, es sei ein halbseidenes Business, über sie berichten. Es meldeten sich Franchise-Unternehmen, die ihr die Idee abkaufen wollten und zahlreiche Menschen, die für sie schlafen wollten. Das alles war ihr zu mühselig und hätte sie von ihrem Weg abgebracht. Stattdessen freute sie sich, zum ersten Mal in ihrem Leben ihrer wahren Berufung nachzugehen: Einem leisen, stillen Ruhen. Absichtslos und trotzdem wohltuend für sie und ihre Mitmenschen.

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2 Gedanken zu “Die Gesellschaftsschläferin

  1. das ist mal ein wirklich originelles geschäftsmodell. ich bin beeindruckt! überhaupt das die bezeichnung auf anhieb richtig verstanden wurde und das solch große nachfrage existiert finde ich wahnsinn!
    *thumbs-up!*
    Sarah

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