Kleiner Grenzverkehr


Für den silbernen Renault 16 meines Vaters gab es die Zollschranke in Swalmen nicht. Am Steuer ein Bankangestellter mit perfektem Messerhaarschnitt, auf dem Beifahrersitz sein korpulenter 75jähriger Schwiegervater im dreiteiligen Maßanzug und auf der Rückbank der semmelblonde Streber aus der 3a. Nicht einmal die Tatsache, dass wir im Zwei-Wochen-Takt an einem winzigen Grenzübergang nach Holland einreisten, konnte Misstrauen erwecken. Wartezeiten gab es für dieses Gespann in den 70ern nur während heißesten Wochen der Ölkrise.

Zu einem Behördenvorgang mit real beteiligten Personen wurde die deutsch-holländische Grenze für mich erst mit 18 Jahren. Meine Sympathien für die Beamten machte ich am Uniformgarn fest: Das Blau der Niederländer wirkte so nautisch und welterfahren. Ganz anders als die lodendumpfe Polizeitracht der Deutschen, die alle beweglichen Teile meines Autos abschraubten und mir nach erfolgloser Suche gerade mal ihren Schraubenzieher liehen.

Seit 16 Jahren gibt es keine Passkontrolle mehr. Und mit dem Verschwinden der rot-weißen Schlagbäume hat die Nahtstelle zwischen zwei Ländern ihre Corporate-Identity verloren.
Zwar sind es auf historischer, emotionaler und politischer Ebene weit mehr als 567 Kilometer, die die Niederlande und Deutschland verbinden. Aber auf dieser Strecke von den Hügeln Limburgs bis zum topfebenen Friesland mäandert ein Grenzverlauf, dessen Erscheinungsbild so facettenreich ist, dass die trennenden rot-weißen Balken als verbindendes Element durchgehen würden.

Im Süden sind Kerkrade und Herzogenrath aufeinander zu gewachsen. Nicht metaphorisch, sondern als urbanes Gebilde aus Asphalt und Beton. Dieses zwangsläufig irgendwann ineinander übergehende Flächenwachstum verlief selbstverständlicher als der von Politikern erdachte Name der Europastadt „Eurode“. Nur einmal im Jahr feiert die Region zweisprachig einig: „Roda alaaf!“

Der Grenzverlauf verläuft weitgehend unsichtbar und unspektakulär durch das Weichbild der beiden Gemeinden. Kein breiter Fluss, keine repräsentative Allee bildet die Trennlinie. Der Kreisverkehr der Neustraße mündet ohne Pathos und ohne Ampel in die Nieuwstraat. Und überhaupt ist diese Grenze profan und kleinteilig. Nicht staatstragend „bilateral“, sondern ein Treffen unter Nachbarn. Ein kniehoher Jägerzaun als Staatsgrenze – hier ist das europäische Wirklichkeit.

Dabei ist „Eurode“ – wenn man den gewagten Vergleich zu Berlin anstellen möchte – kein eineiiger Zwilling, der auf engstem Raum Dopplungen des Gleichen versammelt hat. Eher ein Paar, das seine Einmaligkeit an der niederländisch-deutschen Grenze daraus bezieht, dass zwei nahezu gleich große Städte einander zugewandt zur Grenze blicken.

Der größte Teil der Grenze wird geprägt von zwei Rücken an Rücken stehenden Staaten. Doch das ist weder eine Metapher für das Verhältnis der Länder zueinander, noch ist es eine spezifische Eigenart. Es ist lediglich das Los vieler Grenzregionen überall auf der Welt: Das Zentrum einer noch so föderalen Nation ist eben nicht am Rand. Im „gemeinsamen Haus Europa“ ist heute dort, wo früher die Zollhäuser standen, der Keller, der Hauswirtschaftsraum und die Abstellkammer.

Das Denken von Planern, die Schrankenlosigkeit würde mit dem Fluss von Verkehrs- und Warenströmen aus Grenzregionen strahlende Mittelpunkte generieren, bleibt knapp 20 Jahre nach Schengen eine Formel aus Standort-Broschüren lokaler Wirtschaftsförderer. Die Besonderheit dieser Grenze ist nicht Ihre Mittelpunktfunktion, ihre augenfälligste Eigenschaft ist die Normalität, in der zwei Staaten ineinander diffundieren.

Die gegen den Westwind geduckten Ziegelbauten des linken Niederrheins unterscheiden sich nur in Nuancen von den Straßenzügen jenseits der Grenze. Hier wie dort dominiert das Warenangebot von Baumärkten die optische Verfeinerung der Außengestaltung. Mitunter ist es allein die archetypisch niederländische Eigenart, schlanke Vasen gleich im Doppelpack auf dem Fensterbrett zu platzieren, die einen Anhaltspunkt gibt, auf welcher Seite der Grenze man sich befindet. Nuancen, die nur im Abgleich des Fremden vom Eigenen wahrgenommen werden können. Die trennscharfe Linie – hier Dick Brunas Nijntje, dort der Dürerhase – existiert nur im Kopf.

Manchmal ist die direkte Nachbarschaft auch unterbrochen. In Elmpt wird ein dichter transitorischer Wald zum Niemandsland auf der Reise von Ost nach West. Natur von der britischen Rheinarmee in den rechten Winkel gefasst und dann Jahrzehnte lang sich selbst überlassen. Wenn es lichter wird, lassen sich durch Astgabeln die Wohnblocks erahnen. Ein grau verputztes Klein-Birmingham irgendwo zwischen den Backsteingotik-Weilern der Region.

Der kleine Grenzverkehr meines Großvaters, der grenznah am Niederrhein lebte, galt meinem Urgroßvater. Seinem Vater, der schon mit elf zum Vollwaisen wurde und selbst nur zehn Jahre nach der Geburt seines ältesten Sohnes sterben würde. Sein Vormund verfrachtete ihn 1883 nach Kessel, ein niederländisches Dörfchen an der Maas. Auf dem höchsten Punkt der umliegenden Kilometer, dem historischen Kasteel Keverberg betrieben die sehr katholischen „Schwestern der Göttlichen Vorsehung“ ein Waisenhaus. Von hier öffnet sich der Blick über eine Grenzlandschaft, deren Horizont sich nichts in den Weg stellt. Ob es an dieser Perspektive lag – mein Urgroßvater wurde Zöllner.

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