Lifestream im Mainstream

Bis gestern rangierten Konferenzen, auf denen Mark Zuckerberg spricht, auf der Skala meiner Aufmerksamkeit im Niemandsland zwischen der Hausmesse eines dänischen Matratzenlagers und einer Bocksbeutelverkostung in Franken. Ein Zehntel der Weltbevölkerung nennt einen Facebook-Account sein eigen, mehr Bilder und Texte als irgendwo sonst werden in San Francisco gehostet und der Datenschatz, auf dem Zuckerberg sitzt, bestimmt zum Großteil den Marktwert des Unternehmens von über 50 Milliarden Dollar.

Staunend habe ich in der Vergangenheit die immer neuen Rekorde hingenommen und mich gewundert: Die Programmierung der Seite ist seit jeher so buggy wie eine Betaversion, das Layout so hässlich, als wäre es von schwach begabten Berufsschülern zusammengezimmert worden. Was Menschen meines Alters treibt, mit Bildern ihrer Privatwohnung und Urlaubsfotos in Bermudashorts ihre Freunde zu belästigen, war mir auch nie eingängig. Ich habe auf meiner Pinwand ein wenig herumgemeint, manchmal was verlinkt und mein Privatleben privat sein lassen. Das hat nichts damit zu tun, dass ich nicht authentisch sein möchte. Aber wen – so dachte ich bisher – interessiert schon, was ich mir morgens aufs Brot schmiere?

Natürlich weiß ich, dass Facebook meinen Brotbelag, würde ich einen Markennamen nennen, nicht uninteressant findet. Aber man möchte sich ab sofort nicht mehr darauf beschränken, einen Halbsatz von mir, in dem das Wort „Grill“ vorkommt, von Data Profilern auswerten zu lassen und mir prompt eine Werbung für eine Grill-Lokomotive unterschieben. Gestern hat Mark Zuckerberg angekündigt, dass er in Zukunft alles von seinen Nutzern wissen möchte und unser aller „Lebensarchiv“ werden will. Netter Versuch, Mark – es war schön mit uns. Niemand muss seine Tage „kuratieren“ (wie er es nannte). Ein Leben hat man, um es zu leben.

Das, worum es Facebook mit der Open Graph-Technologie, die möglichst viele digitale Lebensäußerungen sammelt, in Wirklichkeit geht, ist etwas, wogegen sich jeder freiheitsliebende Mensch wehren sollte. Wir sollen nicht gläserne Konsumenten werden, denn das sind wir schon längst – wir sollen zu einer Herde werden, deren Leithammel gründlich gechipt sind.

Es wird Facebook nicht mehr reichen, die Zielgruppenansprache zu perfektionieren und sich der Industrie als bestinformierter Partner anzudienen. Mit jeder externen Anwendung, die über Open Graph die neue Timeline füttert – das menschliche Mitteilungsbedürfnis wird erfahrungsgemäß Datenschutz- und Schamgrenzen spielend überwinden – wird unser Horizont ein wenig schmaler. Weil Facebook eine Monokultur fördern wird: Seine Algorithmen dienen vordergründig dazu, ein Nutzerverhalten zu dokumentieren. Irgendwann wird Facebook mit seiner Wirtschaftskraft und der medialen Omnipotenz seiner Plattform auch  Inhalte kanalisieren und Vielfalt verkümmern lassen.

Das Bedürfnis, sich in seiner Peer Group nicht nur mitzuteilen, sondern auch bestimmte Vorlieben als gruppenbildendes Element zu teilen, ist der natürliche Feind von randständigen, besonderen und schwer vermarktbaren Kulturgütern. Wer sich auf dieses 24-Stunden-EKG seines Lebenswandels einlässt, wird mit einer Welt der Blockbuster und Megaseller leben müssen. Die lustigen YouTube-Links sind nur das Schmiermittel.

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