Visionen

Die wirtschaftliche Situation hatte sich überraschend gewendet. Offenbar beruhten alle Schuldenszenarien der Vergangenheit auf einem bislang unentdeckten Rechenfehler, böswillig verursacht durch einen schlecht gelaunten Buchhalter der Notenbank. Ein goldenes Zeitalter war ausgebrochen, die Armut besiegt, die Renten sicher, das Wort Arbeitslosigkeit ein nostalgischer Begriff aus einer anderen Epoche.

Dennoch lag eine unbestimmte Unzufriedenheit über dem Land. Die neugewonnene Sicherheit hatte die Menschen zu quengelnden Kindern werden lassen und die stabile Lage machte sie nicht zufrieden, sondern matt und miesepetrig. „Unsere Bedürfnisse sind gestillt, aber was ist mit unseren Träumen?“, fragten sie in Talkshows und ein käsesattes Publikum applaudierte ihnen.

„Ein Vorschlagswesen, wir brauchen ein Vorschlagswesen“, überlegten Regierungsvertreter und beriefen eine Expertenkommission ein. Weil alles so gut lief und – wie schon gesagt – ein goldenes Zeitalter ausgebrochen war, traute man sich sogar ein wenig mehr. Eine „Wunschumfrage“ sollte die Träume des Volks ermitteln, um ein starkes Gefühl der Zufriedenheit zu schaffen. Überall im Land wurden spezielle Briefkästen aufgestellt, in die einen Monat lang ganz unbürokratisch und mit der Aufforderung, durchaus Maximalforderungen zu stellen, Zettel mit Wünschen wandern sollten.

Weil es eben keine Abstimmung mit einer begrenzten Zahl von Wahlmöglichkeiten war, sondern die Möglichkeit zur freien Formulierung, vermutete man eine langwierige Auswertung der vielen Einsendungen. Überraschenderweise ging es dann sehr schnell, da sich klare Mehrheiten auf nur wenige, oft vertretene Wünsche sammelten.

„Ich wünsche mir einen attraktiven Großkotz“ war ein signifikant häufiger Wunsch vieler weiblicher Teilnehmer. Einsendungen wie „Ein größeres Parkdeck vor dem Einkaufszentrum“ und „H&M sollte mehr Sachen in meiner Größe führen“ kamen mindestens ebenso oft vor. Zunächst herrschte eine gewisse Katerstimmung und die Feuilletons beklagten die Schlichtheit einer Gesellschaft, die in ihrer Saturiertheit nur noch an Stellschrauben ihres Daseins drehen mochte. Rückblickend war man jedoch allgemein erleichtert, dass kaum wirkliche Visionen angesprochen worden waren.

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Ein Gedanke zu “Visionen

  1. Selten bündig formuliert, der Wunsch nach dem Primat(en)-Alphatier.^^ Wären die meisten Männer nicht zu bequem gewesen, einen Wunschzettel zu schreiben, wäre ihr prozessoptimierender Wunsch eine vorderlastige „Bezaubernde Jeannie“ gewesen, denn alles weitere hätte sie beschaffen können.

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