Deutschland

Achthundert Kilometer in staubiger Augusthitze mit einem viel zu alten Auto aus der Provence gekommen und in Mülhausen den Rhein überquert. Städtenamen sind nicht mehr schmale schwarze Namen mit rotem Rand, sondern gelbe Rechtecke mit Landkreis, Verbandsgemeinde und Ortsteil. Das anarchische Blumenfeuerwerk im ersten Kreisverkehr ist auf dieser Rheinseite ein genormtes Straßenmöbel-Ensemble mit Lieblos-Bepflanzung.

Sich für eine Nacht in einem Schwarzwalddorf entscheiden, nur weil der Name so seltsam klingt und fünf Minuten bevor die Küche des Gasthauses schließt, noch eine Schlachtplatte bestellen. Mit vier Bieren im Bauch ungeduscht in ein plustriges Plumeau fallen. Deutschland als Mutter, die Deinen Freiheitsdrang nicht versteht, aber immer etwas für Dich auf dem Herd hat.

Als Jugendlicher kann ich mit diesem Deutschland nichts anfangen. Deutschland ist ein junges Land, das ich nicht aufgebaut habe, ein altes Land, dessen Sprache mir zu zinntellerig ist und eine nahe düstere Vergangenheit, mit der ich nicht umzugehen weiß, weil mir niemand dabei hilft. Großväter, deren Frontjahre aus Selbstschutz zur Anekdote werden, gepresst vorgetragene Sühnereden im Fernsehen und in heiteren Momenten ein stiernackiger Frohsinn, der mich hilflos macht. Diese Gemütlichkeit ist unübersetzbar und riecht muffig. Hinter jedem Schlagbaum hätte ich dieses Land für ein Butterbrot verleugnet und freue mich über Franzosen, die mich für einen Engländer halten, über Briten, die mir den Holländer abnehmen. Dass Franzosen Sprachmuffel sind und die Engländer sich nur über meinen Akzent amüsieren, verdränge ich gekonnt.

Die Momente des Zurückkommens werden im Laufe der nächsten Jahre häufiger und in der Ferne schrumpft die Exotik des Anderen auf das bloße Sammeln von Details: Den koscheren Chinesen am Rand des Central Parks oder die Klima-Anlage, die nicht nur das Hotelzimmer auf 14 Grad herunterkühlt, sondern auch weit ins Kingsize-Bett hineinragt. Anekdoten ohne Gewehr über der Schulter. Ich fange an, zu verzeihen. Zurück ist nie Heimweh, aber mit dem Überschreiten der Grenze immer Zuhause. Kein Pauken-und-Trompeten-Gefühl, sondern ein pragmatisches Vertrauen in dieses Land und diesen unglaublichen Wiedererkennungswert der Gulaschsuppentöpfe an den ersten Autobahnraststätten auf heimischem Boden.

So selbstverständlich ist unser Umgang mit dem, was unser Land in den 66 Jahren nach dem Krieg geworden ist und das, was wir selbstverständlich finden, erhält in unserer Sattheit zu wenig Wertschätzung. Wir haben ein Gesundheitssystem mit Macken, das uns älter als jede Generation vor uns werden lässt. Uniformen werden von Staatsbürgern getragen und selbst die Polizei ist so korrekt und langweilig, dass es eine Meldung wert ist, wenn die Gummiknüppel ausnahmsweise mal lockerer sitzen.

Heute freut mich jeder Widerspruch, der offen formuliert wird, ich rege mich über Menschen auf, deren Meinung ich nicht teile und wenn die Wut verflogen ist, mag ich es, widersprechen zu dürfen. Meinungsvielfalt ist das höchste Gut und Meinungsverschiedenheit ist noch lange kein Streit, sondern nur der Anfang eines Gesprächs.

Dazu eine Heterogenität von Landschaften und Stadtarchitekturen am Rand der planierten Malls. Diese bunten Welten, die sich in Großstädten hinter dem letzten Matratzen Concord auftun. Mit seltsamen Kiosken und Tankstellen, Mehrfamilienwohnbauten und dem kollektiven Wunsch nach individuellem Wohnen. Das ist das Deutschland, in dem ich zuhause bin. Dort, wo die stadtgeplante Traufhöhen-Regulierung aufhört und aus Frankfurt eine Most-Metropole wird und Wuppertal noch eine Färberstadt ist. Der wilde Westen der Hunsrück-Höhenstraße, die schleswig-holsteinische Rapsblüte und der Nebel über dem Bodensee. Das ist das Land, in dem ich leben möchte. Nicht stolz, ein Deutscher zu sein, sondern stolz, einer von vielen verschiedenen Deutschen zu sein.

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7 Gedanken zu “Deutschland

  1. „Der Deutsche“ und Du, wir neigen immer noch zum Dichten und zum Denken. Ich kann dem mittlerweile auch Liebenswertes abgewinnen. Dafür und für den Text – danke.

  2. Wenn man es endlich gefunden hat, das Etwas, das nicht eben gerade nicht mit dem bleischweren Wort „Patriotismus“ belastet „Zuhause“ genannt werden kann, ist das ein wertvoller persönlicher Entscheidungsprozess, den ich so leicht nicht hätte erklären können. Sehr gut beschrieben.

  3. Ja, sicher gibt es eine Menge, was nicht in Ordnung ist. Was besser sein könnte (wo man sogar mitwirken könnte, eine bessere Stufe zu ereichen ?!). Und das Exotische zu suchen, kennenlernen zu wollen, das nachbarschaftliche über die Grenzen hinweg zu pflegen, schadet wahrlich nicht. Im Gegenteil. Weil man wohl doch häufig in der eigenen Sattheit eher von draußen erkennt, was die deutschen Teller und Schüsseln, Vorratsschränke und Keller an Zuzugreifendem zu bieten haben, Kulinarisch und verzehrtechnisch auf anderen Terrains. Sich immer mal wieder erinnern zu lassen – z.B. mit einem ‚echten Breuer-Text‘ – ist gut. Und notwendig. Mit oder ohne einen Zeigefinger auf den Zeilen. Möge er eine breite Leserschaft finden. Und Zustimmung, in welcher Graduierung auch immer. Dieser Kommentar wurde von jemandem geschrieben, der immer wieder gern Entdeckungstouren in diesem Deutschland macht. Und das nicht, weil ich Flugangst hätte oder mir eine Städetour nach Barcelona vom Munde absparen müsste.

  4. Ich liebe einfach die Breuer-Texte, das einfach macht spaß zu lesen.

    Da keimen doch wieder Patriotismus-Gefühle in mir auf, fern von politischen und wirtschaftlichen Schlachtfeldern.

    Grüße vom nebligen Bodensee!

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