Cedric

An einem Nicht-Tag des Jahres 1908 kam Cedric zur Welt. Einem 29. Februar, der ihn dazu verdammen würde, nur alle vier Jahre seinen Geburtstag feiern zu können. Im Départment Seine-et-Marne führte sein Vater eine große Feinpapierfabrik und standesgemäß suchten seine Eltern vier Wochen nach seiner Geburt, am Tag seiner Taufe einen Fotografen auf. Er lehnte im Taufkleid mit dem Rücken an einem Blechgestell, denn stehen konnte er selbstverständlich noch nicht und zu seinen Füßen war ein weißer Pierrot drapiert.

Der Fotograf war ein mickriger Mann, der mit großer Ernsthaftigkeit die Unvergesslichkeit des Augenblicks zelebrierte. Er häufte das Magnesiumpulver für den Blitz auf, zog bedächtig den Balgen seiner Kamera aus und legte eine Fotoplatte ein. Knatternd zündete die Auslösung, der Staub senkte sich und die Familie suchte hustend das Weite.

Das Taufbild von Cedric geriet dunkel. Sehr dunkel. Eigentlich, das musste man zugeben, war fast nichts zu sehen. Am ehesten noch die Spitzenbordüren seines weißen Kleidchens, der Rest spielte zwischen tiefem Anthrazit und schwärzestem Schwarz. Dennoch herrschte keine Unzufriedenheit mit der Arbeit des Fotografen, denn der Papierfabrikant erkannte die tiefe künstlerische Absicht des Lichtbildners, der den Moment des Auslösens und die Schwärze durch die Blendung des Blitzes perfekt eingefangen habe. „Sagen wir es so,“  sagte er zufrieden, wenn er das Bild seines Sohnes in die Hand nahm, „es ist nicht zu hell und vor allem: Alles ist scharf“.

Als er 17 war, begleitete Cedric seinen Vater auf die Leipziger Frühjahrsmesse und den letzten Messetag verbrachten sie in den Hallen, in denen nicht Papiermaschinen, Messer und Bottiche ausgestellt waren, sondern ein Kaleidoskop technischer Novitäten. Schon seit Jahren interessierte sich Cedric für Fotografie und er träumte von einer eigenen Kamera.  Am Stand von Ernst Leitz lag auf einem roten Samtkissen eine Erfindung, die ihn in Aufregung versetzte: Kleiner als jeder Fotoapparat, den er je gesehen hatte, schien es ihm das perfekte Gerät zu sein, um mit der Geschwindigkeit seiner irrlichternden Augen Schritt halten zu können. Ein 35mm-Filmstreifen, ein winziges lichtstarkes Objektiv und die Bewegungsfreiheit für ungeahnte visuelle Freiheitsgrade. Das war das Instrument, nach dem er gesucht hatte.

Cedrics Seriennummer wurde die 292 – sein Vater hatte Ernst Leitz persönlich darum gebeten. Er liebte die Kamera, ihren Geruch nach Waffenöl und ihre perfekte Belederung. Schnell lernte er, sie perfekt zu bedienen. Unter der Bettdecke übte er, Zeit und Blende blind einzustellen und kannte den Klang jeder einzelnen Raste des Belichtungszeitenrades. Seinen fotografischen Anspruch hatte er längst, ohne ein einziges Bild gemacht zu haben. Er orientierte sich an seinem Taufbild. Maximale Tiefenschärfe bei gleichzeitiger Betonung des Charakters dieses einen Augenblicks. Dass die Bilder bei Blende 22 und einer 200stel Sekunde sehr dunkel wurden, störte ihn nicht im Geringsten.

Das Vermögen seines Vaters ermöglichte ihm fotografische Streifzüge rund um die Welt. Er traf in den USA Walker Evans und Walker Adams, in Paris begegnete ihm eher zufällig Andre Kertesz, in Köln durfte er einen Blick in das Studio von August Sander werfen und Otto Umbehr nahm vor seinen Augen lachend sein Glasauge heraus.

Kurz vor der Mittagspause des 29. Septembers 1932 gelang ihm ein Geniestreich. Er erklomm die Baustelle des Rockefeller Centers und nicht nur die vor ihm auf einem Stahlträger sitzenden Arbeiter, die gerade ihre Lunchpakete auspackten, waren scharf, sondern auch die Skyline von New York zeigte bis zum Horizont jede einzelne Feuerleiter und jeden Fensterrahmen. Zwar um den Preis einer fast kompletten Schwärze, aber die Tiefenschärfe des menschlichen Auges, das in seiner Fokussierungsgeschwindigkeit kein Hinten und kein Vorne kennt, hatte er erfasst. Lachend grüßte er auf der Treppe den Kollegen Charles Clyde Ebbets. Wissend, dass er ein historisches Foto im Kasten hatte.

Am 30. Januar 1948 lächelte Gandhi in das Hektor-Objektiv seiner Kamera und kurz nach der Verabschiedung glaubte Cedric gar, von weitem den Attentäter Nathuram Godse gesehen zu haben. Im Bad seines Hotelzimmers entwickelte er den Film, einen fast durchsichtigen Streifen: Jede Lachfalte von Mahatma wie aus dem Zelluloid ausgefräst. Ein perfekt schwarzes Bild und ein Zeitdokument, das nur der würdigen könnte, der die Tragik des Moments, die Ausschnitthaftigkeit von einer 200stel Sekunde und die Bedeutung einer durchgehenden Schärfe verstünde.

Ein sonniger Tag im Spätherbst des Jahres 1963 und Cedric war zufällig in Dallas. Natürlich wusste er, dass John F. Kennedy in der Stadt war und postierte sich an der Dealey Plaza. Im Augenblick des Schusses drückte er auf den Auslöser und machte das Bild seines Lebens. Der Präsident der Vereinigten Staaten, von einer Kugel getroffen, links von ihm der mysteriöse Regenschirmmann, im Hintergrund das Schulbuchdepot, in dem Lee Harvey Oswald hinter einer Mauer lauerte – Cedric vereinte alles auf einer tiefschwarzen Fotografie. Er führte den Beweischarakter des Mediums ad absurdum, das war ihm klar, aber es sein Konzept war ein anderes – er fühlte, was er aufnahm. Mit allen Sinnen. Seine Leica war nur das Vehikel, mit dem er sich die Ereignisse ins Herz brannte.

1968, er war schon 60 Jahre alt, stand Cedric neben Eddie Adams in der Hitze von Vietnam. Er sah die Pistole des Saigoner Polizeichefs Nguyen Ngoc Loan an der Schläfe der angeblichen Vietcong und in diesem Moment wusste er, dass seine Art zu Fotografieren die Richtige war. Weil auf seinen Fotografien nichts mehr zu sehen war. Die gezackte Kontur der Apartment-Häuser von Saigon in der gleißenden Sonne war nur dunkelgraue Kontur und weder die  hässliche Wutfratze des Schießenden, noch das schmerzverzerrte Gesicht des Sterbenden waren zu sehen.

Cedrics dunkles Oeuvre ist ein Meilenstein der Fotografiegeschichte. Der Blumenmann vor den Panzern von Prag, der über den Stacheldraht springende Volkspolizist, die unwürdige Abführung von Holger Meins in Unterhose. Es ist eine Reihe schwarzer Bilder, die nicht die Fotografie selbst zur anekdotischen Erinnerung machen, sondern es sind Dokumente, die die ganze Weite des Augenblicks, seine Vielschichtigkeit und seine historische Dimension zeigen.

Dieser Beitrag wurde unter Feuilleton veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Gedanken zu “Cedric

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s