Wir brauchen so viel. Weil wir alles haben.

Auf den asphaltierten Vorstadtparkwüsten stehen keine Kombis mehr. Es sind Mini-Vans, stark motorisierte Kleinlastwagen, deren Anschaffung mit der Geburt des ersten Kindes legitimiert wird. Mit Ladeflächen für IKEA-Kartons, für Gitterkörbe voller Ofenkäse und Bio-Weine, für Bobbycars, Kickroller und all den Plunder, ohne den Einzelkindeltern das Haus nicht mehr verlassen können.

Der Raum, von dem wir glauben, dass er uns als Fläche zusteht, wird immer größer. Im therapierten Selbstbewusstsein, ausgerechnet wir seien so kunstvoll geknickt, dass wir es nach gelungener Selbstentfaltung auf mindestens 80 Quadratmeter pro Nase bringen.

Was uns treibt, ist das Mehr. Das grässliche Wort „Nullwachstum“, das doch eigentlich das Halten eines Zustands beschreibt, haben wir systematisch mit dem Rückfall in die Armut, die keiner von uns erlebt hat, belegt. Das Wachstum ist der Mehrkonsum, den wir brauchen, um dank Dosissteigerung im schneller drehenden Hamsterrad die Balance zu halten, die wir Work-Life-Balance nennen.

Wir sind eine Generation, die die gestreiften Gartenstühle unserer Großeltern belächelt. Diese verschossenen Stoffdinger, die bei Wind und Wetter unter dem Baum standen. Das Garteninterieur unserer Wahl ist ein doppelgeflanschtes, kaltgemufftes Relaxsystem mit intelligenten Wirbelsäulenprotektoren auf Grundlage bionischer Erkenntnisse. Angeliefert im Reißverschluss-Schutzmantel, dessen Bio-Baumwollstoff mit demselben Spezialwaschmittel gereinigt werden kann wie die Bezüge der Kaltschaumauflagen.

Und wenn man den Gesamtaufwand aus dem durch Testberichte gestützten Entscheidungsprozess, der internetbasierten Identifikation des günstigsten Anbieters, vor- und nachsaisonaler Reinigung und platzsparender Verstauung im Schwerlastregal des Kellers berücksichtigt: Wir werden in diesen Möbeln niemals Ruhe finden.

Sind unsere Tage erst erfüllte Tage, wenn sie zu großen Teilen aus der Organisation von Qualitätssteigerungen unseres Daseins bestehen? Aus einer Waren-, Freizeit- und Wissenslogistik, in der selbst der Burnout als Gütesiegel unserer Emsigkeit zum Statussymbol wird. Schließlich leben wir längst nicht mehr vom Brot allein, es muss ein Bergbauernrezept aus dem 19. Jahrhundert sein. Weil auch der Wunsch nach der neuen Einfachheit ein vermarktbares Konsumlabel abgibt. Nur eben mit Naturfarben auf Packpapier gestempelt.

Das Internet unterstützt unseren Selbstoptimierungsprozess gern: Weil die Data Profiler nicht nur unsere Kleidergröße und unsere Lieblingsfarbe kennen, sondern auch unsere Vorliebe für das Landleben, festes Schuhwerk und Schottland. So wird aus einer einfachen Wetterjacke eine Cross-Selling-Orgie. 14tägiges Rückgaberecht inklusive. Am besten also, man bestellt gleich zwei Wetterjacken, von denen man eine wieder verpackt, mit ausgedruckten Retourenzettel fristgerecht zur Post trägt und die Zeit, die man in einem Einkaufszentrum verschwendet hätte, großzügig neu verplant. Hoffentlich hat der Wellness-Bauernhof WLAN.

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25 Gedanken zu “Wir brauchen so viel. Weil wir alles haben.

  1. Armut, die keiner von uns erlebt hat – so ist es. Ich gehöre nun wirklich nicht zu denjenigen, die sich nach Nachkriegszuständen zurücksehnen, aber ich bin der Auffassung, dass wir den Blick dafür, was existenziell ist, längst verloren haben.

    Vielleicht ist es tatsächlich so, dass das Geschilderte nicht auf die Mehrheit der Menschen zutrifft. Die bionischen Gartenmöbel oder die sorgfältig handverlesene Wohnungsausstattung aus dem Manufaktum-Katalog sind sicher nicht Sache aller. Aber das Prinzip, das dahinter steht – den Hals nicht vollkriegen können, ganz gleich, ob auf gepflegte oder weniger gepflegte Manier – das ist schon penetrant vorhanden. Nicht zu konsumieren findet sich beinahe nicht mehr in unserem Verhaltensrepertoire, es wird eher als Makel oder Krankheit betrachtet. Dabei sein, mithalten können ist alles.

    Mit Leben hat die durchgeplante Glücks-, Freizeit- und Wohlstandsoptimierung nichts mehr zu tun. Ich schätze, wir spüren das diffus, kriegen aber die Angelegenheit nicht beim Schopfe gepackt. Sie merken richtig an, dass auch das Konzept des „weniger ist mehr“ wieder aufgegriffen und vermarktet wird und daher zu etwas wird, das wir meinen mit Geld kaufen zu können. Wir sind so verstrickt in unserer Konsumlogik, dass wir kein Land mehr sehen.

  2. Es gibt sie noch, die guten Texte!!! Frag‘ mal, ob Manufactum Deinen Text als Vorwort für den neuen Katalog möchte.

  3. Pingback: Game Over
  4. Es gibt eine einfache Möglichkeit, dem ganzen Irrsinn zu entkommen: Das Weite suchen ;-)

    Ich habe bad old Germany vor 15 Monaten verlassen und bin sehr zufrieden und glücklich auf meiner Insel in Malaysia.

  5. Wie kann man schnell unsere Gesellschaft auf den Punkt bringen?
    Ich brauche nichts mehr, ich habe alles zum leben, ich will alles, was das Fernsehen mir zeigt. Damit sind die Grundlagen geschaffen, Werte, Ethik, Wünsche und Befriedigung weltweit zu exportieren.
    Fazit: Ich werde niemals mehr als 4-5 am Tag arbeiten. Ja, leckt mich am Arsch. ich will leben.
    Grüzze
    Marku

  6. zielsicher trifft ein Wort das andere und beschreibt genau diesen Zirkuskreislauf, den wir unseren Alltag nennen. Aber warum das alles nur? Was ist denn unser Bestreben? Wohin soll dass denn noch alles führen? ……

  7. Hast vollkommen recht, wir würden leicht mit der Hälfte auskommen , doch die Gesellschaft ist darauf programmiert einfach immer mehr zu wollen.
    Das ekelt mich an! Wir Menschen sind ein zu bemitleidendes Wesen.

    Schaut auf meinem Blog auch mal vorbei , bin erst neu, sind Gedichte und so.

  8. Ich finde nichts falsch an Wellnessbauernhöfen, Bio-Weinen und Ofenkäse. Es ist gut und richtig eine hohe Qualität bishin zur Optimierung in Fertigung und Verarbeitung von Produkten und Institutionen zu fordern und zu bedienen. Das dient nicht nur dem Konsumenten, sondern auch den Unternehmern und der Umwelt (Nachhaltigkeit etc.). Die Motive all das zu konsumieren sind jedoch oftmals die falschen.

    Es fehlt das Bewusstsein dafür, dass jemand, der vor dem Kauf der Jack-Wolfskin-Outdoor-Jacke nicht glücklich war, es auch danach nicht sein wird. Geschweige denn ein Bergsteiger.

  9. Hallo Peter,
    absolut ins Schwarze getroffen.
    Dank der Konzerne (und der neuen Gesellschaft) sind wir zu einer Konsumgesellschaft geworden. Auch bei der nächsten (Konsumenten)-Generation haben sie schon genug Marketing Vorarbeit geleistet.
    Wir wollen alles haben, reine Gebrauchsartikel sind nicht genug. Ohne Luxus sind wir nicht glücklich. Denn nur wer Geld und jede Menge unsinnigen Firlefanz hat, ist wichtig. Und heutzutage will ja jeder wichtig sein. Wer will schon ein nobody sein?
    Die Dekandenz wird weiter steigen. Die Armen werden ärmer, die Reichen reicher und die Mittelschicht wird bald ganz verschwinden.
    Viel haben ist noch lange nicht genug, man muss mehr und am meisten haben.
    Doch wie kann man aus diesem Teufelskreis ausbrechen?
    Ohne sich ins gesellschaftliche Nirwana zu katapultieren?

    Lg. Ali

  10. Hallo Peter,

    voll ins Schwarze getroffen würde ich mal sagen.
    Die Konzerne (und die Veränderungen in unserer Gesellschaft) haben es geschafft aus uns eine Konsumgesellschaft gemacht.
    Und auch für die nächste (Konsumenten)-Generation haben sie schon Marketing Vorarbeit geleistet.
    Reine Gebrauchsartikel sind für uns nicht mehr genung um Glücklich zu sein, es muss ein gewisses Maß an Luxus dabei sein.
    Je mehr, desto besser auch der gesellschaftliche Rang. Jeder will jemand sein, und vergisst dabei auf weit wichtigere Dinge. Die Dekadenz nimmt immer weiter zu. Die Reichen werden reicher, die Armen ärmer, und die Mittelschicht verschwindet.
    Um aus diesem Teufelskreis auszubrechen, muss jemand den ersten Schritt machen, doch wie? Ohne sich ins gesellschaftiche Nirwana zu katapultieren?

    Ein Glück, dass das Leben fair ist… [sarcasm]

    Lg. Ali

  11. Gut formuliert, wie immer. Ich denke, Du hast recht, das Beschriebene existiert, aber es ist ein Luxusproblem von wenigen. Tatsächlich bricht mit der Mittelschicht das klassische Kombiklientel weg. Eine alleinerziehende Mutter von drei Kindern denkt nicht über bionische Gartenmöbel nach. Die Rentnerin freut sich, dass es beim Bäcker das Brot vom Vortag billiger gibt. Bergbauernrezepte sieht ihr Budget nicht vor. Die meisten Minivan-Besitzer, die ich kenne, haben drei Kinder, die vorgeschriebenen Kindersitze passen schlicht nicht in andere Autos. Viele der Minivans werden gefahren, bis der TÜV die Scheidung vollzieht, dann wird ein Kleinwagen angeschafft, die großgewordenen Kinder wickeln leise murrend auf der Rücksitzbank ihre Knie um die Ohren.
    Aber ich weiß, die Realität ist immer komplziert und ihre getreue Abbildung ist nicht der Sinn eines pointierten Textes.
    Freundlich grüßend
    Ute (stolze Besitzerin einer gemütlich verrottenden Gartenbank)

    • Danke, Ute.
      Du kommentierst mir aus dem Herzen!

      Und @Peter: Wunderbar geschrieben wie immer, doch kann auch ich Deine Beobachtungen nicht mehrheitstauglich finden.

      Lilian

      (stolze Besitzerin mehrerer lustiger nicht zusammenpassender Gartenstühle vom Recyclinghof. Nicht-Inhaberin von mehr als 4 gleichen Tellern. Den Minivan nach fast 8 Jahren nun zugunsten eines Geschäfts-Leasingwagens verscherbelnd. Und – doch, ja – willens, gutes Geld für Lebensmittel aus ordentlicher Erzeugung auszugeben. Aber nicht, weil’s schick ist, sondern weil mein Gewissen das fordert.)

  12. und – ist nicht auch ein Zeitpunkt zumindest leise hinter den Kulissen zum Geburtstag alles Gute zu wünschen? Mein informierter Kalender (ein Papiermodell …) liegt im Verlag – und nach wie vor ohne smartphone irgendeiner art … :-)) ist’s gerade ein vages Gefühl, dass da just was war.
    Herzlich Dorothea

  13. Und während man diese ‚Splitter der besonders naturbelassenen Art‘ belächelt oder augenbrauenhochziehend überdenkt – mag nicht überall ein Iphone Laut geben, aber doch der Krümel vom Sonntagskuchen vom Biobäcker ein bisschen im Hals kratzen. Oder das nativst-native Olivenöl noch im Mundwinkel glitzern.
    Danke für einen kleinen Sonntagsspiegel!

  14. es gibt wirs, denen fühle ich mich nicht zugehörig. dieses ist eines davon. denn es beschreibt eine welt des wohlstandes, menschen, deren größtes problem ist, was sie als nächstes kaufen oder tun können, um ihr hart verdientes geld wieder loszuwerden. dieses wir ist ein kleines, keine mehrheit.

    • Ding kaufen die niemand braucht, von Geld was niemand hat, um Leute zu beeindrucken die sie nicht kennen… der letzte Wagen ist immer ein Kombi!

  15. Mensch Peter,
    da ist es aber aus Dir herausgebrochen: Jedes Wort trifft zielsicher sein Ziel. Ich denke, ich werde Dich mal abonnieren…

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