Revier

Es ist dunkel in Essen-Katernberg und der Regenfilm macht die Straßenbahnschienen der Gelsenkirchener Straße zum Spiegel. Die Neoreklame der chemischen Reinigung färbt den Stahlstrang grün und über den von Türksat illuminierten Wohnzimmern ist der Doppelbock von Schacht 12 zu sehen. Aus der angelehnten Kneipentür – ein abgewetzter Ledersack sorgt für minimale Frischluftzufuhr – dringt Livemusik und ich lehne mich an den Zigarettenautomaten im Windfang.

Die Wechsel zwischen gebrochenen und gestrichenen Akkorden sind anthrazitkohlenschwarz traurig, die angerissenen Saiten lassen die Gitarre klingen, als habe sie viele Nächte in einem feuchten Keller verbracht. Ohne ihn zu sehen, höre ich die Fingernägel des Musikers über den Draht der tiefen Gitarrensaiten kratzen und verstehe, warum diese Saiten eine Seele haben. Als seine Stimme einsetzt, weiß ich, dass er dieser Region noch nie länger als zwei Wochen untreu geworden ist, sein Timbre ist keine Folklore, er ist der Bergmann, der nie unter Tage war.

Er hatte gute Zeiten unter dunklen Himmeln und schlechte unter blauen. Er liebt Emscher und Ruhr, weil sie so kaputt und so wunderbar sind wie Amy Winehouse und er sah die ersten Birken auf den Brachen wachsen. Solange es Musiker wie ihn gibt, davon erzählt sein Lied, ohne es auszusprechen, braucht das Revier keine Museen, keine Kultur des ästhetisierten Verfalls. Was hier echt ist, ist es dort, wo Kuratoren nie ihr Pils trinken würden.

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