Der Geist von Elvis

Den „Geist von Elvis“ nennt der legendäre Popmoderator der BBC, John Peel das, woran sich die Qualität von Rock‘n‘roll messen lässt. Als er im Mai 1956 in einem Wunschkonzert des Soldatensenders AFN zum ersten Mal „Heartbreak Hotel“ hörte, „änderte sich das Leben von Grund auf. Nichts würde jemals wieder so sein, wie es einmal gewesen war.“ Zwar lässt sich sicher nur im Kontext der 50er Jahre nachvollziehen, wie „dämonisch“ und sexuell aufgeladen diese Musik auf ihn wirken musste, doch das Gefühl, das John Peel beschreibt, ist immer noch aktuell. Und der „Geist von Elvis“ hat nicht allein mit Musik zu tun, sondern steht für alle Formen künstlerischer Äußerung, die Emotionen freisetzen, die zuvor verschüttet schienen. Dennoch ist Musik für meine Generation – und die beiden Generationen vor und nach mir – sicher einer der stärksten Auslöser von neuen Lebensabschnitten gewesen.

1975 ging es los. Der erste „Radiorecorder“, Mal Sondock ist DJ bei WDR 2, Mittwochs abends kommt seine Sendung aus der Flora in Köln. Drei oder vier Jahre lang nehme ich beinahe alles, was dort gespielt wird, auf billigen Kassetten auf. Meist gelingt es mir nicht, das stereotype „Hit oder Niete“ und die Kommentare von Mal Sondock auszublenden. Zwanzig Jahre später erscheint es zwar lächerlich, dass ich „48 Crash“ von Suzi Quatro oder „Ballroom Blitz“ von The Sweet für den Inbegriff der Revolution hielt – zwischen meinen Stofftieren war das die Revolution. Jedenfalls in meinem pubertären Kopf. Und es war die Grundlage für die Schlüsselerlebnisse, die später kamen und die meinen Zugriff auf Wirklichkeit bis heute prägen.

Im Sommer 1984 fand so ein Schlüsselerlebnis statt. Bis dahin kannte ich Popmusik nur als lineare Bewegung, als Melodie mit vorgeschriebenem Spannungsbogen. Aber „Psycho Killer“ in der genialen „Stop making sense“-Verfilmung von Jonathan Demme hatte keinen Spannungsbogen: Ein Puls mit perkussiven Herzrhythmusstörungen, die mal vorantreiben, mal beklemmend aussetzen. Die Gitarre von David Byrne nicht als Melodieträger, sondern als gegenläufige Perkussion, die seiner nasalen Stimme den letzten Halt unter den Füßen nimmt.

Plötzlich – nach dieser Schallplatte – hatte ich das Gefühl, ein grundsätzliches Prinzip von Gestaltung verstanden zu haben, nach dem ich im Schulstoff vergeblich gesucht habe: Dass nämlich Harmonie nicht zwingend einem linearen Aufbau folgt, sondern vielmehr auch als Resultat von Brüchen und bewusst gesuchter Dissonanz gefunden werden kann. Und dank der Talking Heads fand ich Zugang zum Jazz: So anders Less McCanns „Compared to What“ auch klang, es funktionierte nach demselben Prinzip wie das „Slippery People“ der Talking Heads.  Auf einem sanften auf und ab steigenden Klavier der schnelle Lauf einer Trompete, abgelöst von einer durchsichtigen Perkussion, über der ein Sprechgesang liegt, die gemeinsam in einem asynchronen Rhythmus über dem Klavierlauf fliegen.

Dieses Prinzip einer instabilen Melodie auf einer ruhenden Fläche ist ein Prinzip, das auch abseits von Musik funktioniert. Auf den Bildern von Cy Twombly, dessen Pinselstrukturen sich von kraftvollen Hieben zu fast nicht mehr existenten Kratzspuren auflösen und deren Gesamtkomposition sich mit jedem – vom Bild entfernenden Schritt – erhellt. In den Texten von Ernst Jandl, dessen vom Reimzwang befreite Gedichte die Grenzen von Prosa und Lyrik zur Nebensache machen. Oder in der Architektur eines Peter Zumthor stehend und fühlend, wie Materialität, Ort und Zweck als System kommunizierender Röhren wirken.

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