J.

Seine Höflichkeit ist eine Maske, die er so oft getragen hat, dass sie wie angegossen sitzt. Allein seine Schläfenknochen könnten aufmerksamen Beobachtern verraten, wieviel Anstrengung ihn sein Lächeln kostet. Aber wer ist schon aufmerksam? Er riecht nach kampferhaltiger Seife, hat wie fast jeden Morgen einen kleinen Mensurschmiss, dessen Blutung er mit einem Fetzen Toilettenpapier gestoppt hat und trägt noch nicht seine Anzugweste über den Hosenträgern.

Behutsam schließt er die Eingangstür seines Ladens auf, nimmt erst den massiven Sicherungsring von den Handläufen, klackt dann von oben nach unten drei Zylinderschlösser auf. Erst als er den rollenden Metallkorb mit Gemüse auf den Gehsteig schieben will, bemerkt er den Brief auf der Gummifußmatte. „Für J.“ steht auf dem Umschlag. Er steckt den länglichen Umschlag in die Hosentasche und begrüßt etwas gedankenverloren die ersten Kundinnen, die bereits vor dem Geschäft warten.

Der Vormittag vergeht wie gewohnt. Lastautos liefern am Hintereingang des Ladens Kisten und Flaschen an, an der Kasse bilden sich Schlangen, die Verkäuferinnen beeilen sich in den kurzen Pausen, im Kontor Waren auszuwiegen und in Cellophanbeutel zu verpacken. Um 12 Uhr denkt J. zum ersten Mal wieder an den Brief. Er geht in dem Hinterhof, klopft eine Zigarette aus seinem Etui und setzt sich gegen seine Gewohnheit mit der Anzughose auf die Betonplatte der Laderampe.

„Du sattes Mastschwein. Wenn du nicht unterschreibst, geht es dir an den Kragen.“ Die Schrift eines Mannes, allerdings nicht die eines Mannes, der sich gewohnheitsmäßig an Krägen vergreift. Eher die eines Buchhalters oder die eines Bürokraten. Dieser Füllhalter war mit drei Fingern und nicht mit der ganzen Hand über das Blatt geführt worden. J. reibt das Papier zwischen zwei Fingern und denkt nach, während in der anderen Hand die Zigarette schmerzhaft nah an die Fingerkuppen heranbrennt.

Er geht zurück ins Geschäft, stopft im Gehen den Brief samt Umschlag tief in die Hosentasche. Die Kassenschlange ist lang und drei Verkäuferinnen sind damit beschäftigt, Gemüse zu bündeln, lose Ware in Tüten zu füllen und Kundinnen zu beraten. Vor dem Tresen steht die Frau des neuen Ortsgruppenleiters, die sich über die Zubereitung von Pastinaken aufklären lässt. Hinter den Pappaufstellern der Fensterdekoration sieht man durch das Schaufenster ihren Mann vor dem Geschäft auf und ab gehen. Mal winkelt er den rechten Arm zum Gruß an, mal nickt er nur mit dem Kopf. Fast wie früher. Jeder scheint ihn zu kennen. Das ging erstaunlich schnell.

J. nimmt ein Formular aus dem Schreibtisch, das dort seit Monaten liegt. Er setzt seine Unterschrift an die Stelle, die mit einem Bleistiftkreuz markiert ist. Sorgfältig faltet er das Blatt mit zwei Kniffen. Dann baut er sich darüber auf und sammelt wie ein kleiner Junger seinen Speichel im Mund. Ganz langsam, noch mit dem herrlich bitteren Geschmack der eben gerauchten Zigarette füllt sich sein Mund mit Wasser, das er genüsslich in einem langen Rotzfaden auf die Zeilen tropfen lässt. Kurz gestattet er sich ein Grinsen, dann trocknet er notdürftig das wellige Papier mit einem Löschblatt und streift seine Anzugjacke über die Weste.

Vor dem Schaufenster paradiert noch immer der Ortsgruppenleiter, der gerade keine Begrüßung erwidern muss. J. macht einige Schritte auf ihn zu und vermeidet den Händedruck durch das Tippen an eine imaginäre Hutkrempe. Stattdessen streckt er ihm das gefaltete und noch feuchte Formular entgegen. „Hier. Du hast mich darum gebeten. Ich muss wieder rein.“ Als fünf Jahre später das Nachbargeschäft brennt, bleibt der Laden von J. verschont. Ein Jahr später ist er als Soldat in Russland.

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