Unterm Strich

Ein Elektrogerät nach meinem Geschmack ist kein weiteres Elektrogerät, sondern eines, das zwei Funktionen vereinigt und damit mindestens ein Teil überflüssig macht. Der iMac, der den Rechner in den Monitor packte, war so ein Teil. Oder mein winziger Laserdrucker, der gleichzeitig sehr perfekt kopieren kann. Oder dieses neue Teil von WACOM – der Inkling, der den Scanner zwischen Stift und Rechner überflüssig machen sollte. Mit einem Kugelschreiber auf jedes x-beliebige Papier zeichnen zu können und die Ergebnisse dabei mit einem drahtlosen Empfänger zu digitalisieren, das klang zu schön, um wahr zu sein.

Die erste Hürde war allerdings schon der Kauf. Im Herbst vergangenen Jahres vorgestellt, wurde WACOM innerhalb von Tagen vom Interesse des Marktes überrollt. Bis heute kursieren lediglich einige Exemplare dieses magischen Stiftes, mit dem analoge Zeichnungen zugleich in digitaler Form für Photoshop und Illustrator bereit stehen. Der Listenpreis von 169 Euro klang verführerisch und weil ich das Ding für einhundert Doppelseiten eines Buches brauchte, schien mir das Wegfallen des verhassten Scannens das Geld wert. Unnötig zu sagen, dass ich schließlich bei eBay deutlich mehr ausgab, um einen aus England importierten Inkling in den Händen zu halten.

Der WACOM Inkling ist hübsch verpackt und die Box von Stift und Empfänger wäre ein heißer Kandidat für einen Designpreis: Der Stift lagert im beweglichen Scharnier der Box und löst sich mit einem leichten Federdruck aus der Schatulle, die zugleich auch die Ladestation ist. Der Empfänger ploppt passgenau in eine Mini-USB-Schnittstelle und vier Ersatzminen sind sicher in die Box integriert.

Schließt man den Empfänger an den Rechner an, wird der Inhalt des 2 GB-Festspeichers angezeigt: Installationsprogramme der Software für aktuelle Windows- und Mac-Systeme und mehrsprachige Manuals. Der Sketch Manager, ein Browser, mit dem sich die erstellten Zeichnungen wahlweise in Adobe Photoshop oder Adobe Illustrator öffnen lassen, ist blitzschnell installiert und dann kann es losgehen.

Zunächst ist alles noch ganz einfach: Der Empfänger wird auf ein maximal DIN A4 (hoch/quer) großes Blatt geklickt und ein Druck auf die Initialisierungstaste verbindet Stift und Empfänger. Jede Berührung des drucksensitiven Stifts ist als Flackern der Kontrollleuchte zu sehen. Sogar ein zweiter Layer für eine weitere Farbe oder eine optionale Schraffur kann mit einer zweiten Taste des Empfängers angelegt werden.

Allerdings sind die ersten Versuche ernüchternd. Mal zeigt sich eine auf dem ganzen Blatt angelegte Skizze im Sketch Manager zusammengestaucht auf einen unsicheren Strich, mal fehlen große Teile der Zeichnung. Besonders genau sind die ersten Ergebnisse ebenfalls nicht. Ein in der Skizze geschlossener Kreis steht digitalisiert sperrangelweit offen und ein beherzter Strich erscheint zittrig und gezackt.

Im Laufe des Arbeitens verbessern sich einerseits die Ergebnisse, andererseits beginne ich, die Macken des Geräts zur Methode zu erklären. Es ist nötig, den Stift viel aufrechter zu halten, als man es von einem Filz- oder Kugelschreiber gewohnt ist und zugleich viel schneller zu arbeiten. Das ist kein Fehler, denn es nimmt mir als miserablem Zeichner die Verzagtheit meiner tastenden Strichführung. Dass die Ergebnisse einigermaßen unwägbar sind und mancher Strich daneben sitzt – mich stört es nicht, für viele Anwendungen wird es allerdings ein deutliches K.O.-Kriterium sein. Für lockere Handschriften und Skizzen, die durchaus grob sein dürfen, ist der Inkling eine gute Wahl. Zumal die Vektordaten, die dem Nutzer in Illustrator zur Verfügung stehen, mit den unendlichen Möglichkeiten der Pinselpalette modifiziert werden können.

Meine Prognose: Der WACOM Inkling wird bald wieder lieferbar sein. Allerdings vermutlich in einer Version, in der viele Bugs der Premiere bereinigt sein werden. Dazu gehört die Sensibilität des Empfängers, der deutlich genauer werden muss. Die Leistung des winzigen 1,2 Volt-Akkus im Stift, der nach drei Stunden der Benutzung mindestens genauso lange geladen werden muss. Und die Geschwindigkeit des Sketch Managers, die auch auf einem aktuellen Rechner etwas zu lange an der Übergabe des internen WPI-Formats für Photoshop und Illustrator arbeitet.

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