Der Medizinmann

Einer meiner besten Freunde ist Arzt. Nicht richtig Arzt, aber fast. Studiert hat er Sozialpädagogik mit dem Schwerpunkt „Tanzpädagogik“. Das ist jetzt nicht direkt Medizin, aber Meinhart ist verdammt nah dran. Seinen Zugang zur Heilkunst fand er, idealer kann es natürlich gar nicht sein, über die eigene Betroffenheit. Eine dichte Abfolge westdeutscher Hausstauballergien und Unverträglichkeiten trieben ihn von der Schulmedizin, über die Homöopathie, die traditionelle chinesische Medizin bis hin zum Schamanismus. Zur Zeit ist er nicht ernsthaft krank, aber weiß auch kleinere Probleme kunstvoll zu inszenieren.

Meinhart wehrt sich dagegen, Krankheiten zu haben und einfach auszutherapieren, er will „mit der Schwäche sprechen und sie zu einer Stärke machen“. Den ironischen Verweis auf sein eigenes Studienfach hört er in diesem Zusammenhang nicht gerne. Er sieht sich schließlich nicht als Esoteriker, sondern als Kybernetiker. Alles hänge mit allem zusammen, der Organismus sei ein komplexes Wirkungsmuster, in dem die „Schmetterlinge im Bauch einen Tornado im Kopf“ auslösen könnten. Ich deute die verdrehten Augen seiner Freundin nicht unbedingt als angeborene Fehlstellung, aber ich bin ja auch kein Arzt.

Der interessantere Part seiner Erzählungen war bisher immer eher der technische Teil der Medizin: Chromblitzende Apparate, Glaskolben und Messinstrumente. Leider hat Meinhart inzwischen die Literatur für sich entdeckt. Bücher, die den menschlichen Organismus als Geflecht von Ursachen und Wirkungen beschreiben. Was alleine nicht verwerflich wäre, wären ihre Bilder nicht so grob geschnitzt wie prähistorische Holzhämmer und hätten sie Meinhart nicht so ein schlagendes Diagnoseinstrument an die Hand gegeben.

Seit er jede beliebige Körperäußerung als Metapher lesen kann, ist Meinhart nicht mehr länger Patient – er ist nun wirklich Arzt. Er lehnt auf der Feier eines gemeinsamen Freundes am Buffet, schiebt sich eine Gemüsefrikadelle in den Mund und deutet auf eine stolpernde Frau: „Siehst du ihren krummen Rücken? Ihr inneres Ich ist mit dem äußeren Ich nicht mehr im Einklang.“ Ich zeige ihm den Vogel und verweise auf ihre 12 Zentimeter hohen Plateauschuhe, die sich in der Teppichkante verhakt haben. Er hat längst einen neuen potenziellen Patienten im Blick, einen Mann, der sich beide Hände kräftig gegen den Oberbauch presst und seiner Meinung nach Schwierigkeiten mit der Verarbeitung seiner Gefühle hat. Ich wende ein, es könne sich auch um eine Überdosis des – übrigens sehr schmackhaften – Eiersalats handeln. Er nimmt mich nicht ernst. Vermutlich unterdrücke ich nur meine Gefühle.

Am schrecklichsten ist es, wenn es Meinhart gelingt, ein unmittelbares Patientengespräch auf einer Party zu akquirieren. Dann wird seine Stimme väterlich warm und er versteht es, sein ganzes medizinisches Fachwissen hinten anzustellen und Formulierungen aus dem reichen Schatz der Redewendungen zu finden, um Körperphänomene anschaulich zu beschreiben. Der gelbe Teint seines Patienten ist kein fortgeschrittenes Alkoholproblem, nein, es ist die Laus, die über die Leber gelaufen ist. Das hört der Patient natürlich gern und nimmt interessiert zuhörend noch ein Schlückchen.

Eines Tages bricht sich Meinhart das Schienbein. Die erste wirklich mechanische Verletzung seines Lebens. Ein dummer Unfall, den er sich auf einer bemoosten Bodenplatte im Vorgarten seines Heilpraktikers zuzieht. Er kann sich das natürlich erklären: „Es sind die Lebensschritte, die ich falsch gesetzt habe. Ich muss flexibler werden und fort-schrei-ten.“ Sicher, denke ich. Fort-schrei-ten. Dieses In-Sil-ben-auf-tei-len als Betonungsinstrument hasse ich besonders. Allerdings bewundere ich Meinhart in den nächsten Jahren für die Konsequenz, mit der er in Rekordzeit zum Schreiner umschult. Im Sägespanregen seiner dreckigen Werkstatt wird nie mehr von Stauballergie die Rede sein.

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3 Gedanken zu “Der Medizinmann

  1. Das erinnert mich an einen Bekannten, der an Krebs erkrankt von seiner lieben Frau das damals sehr beliebte Buch „Krankheit als Weg – Deutung und Bedeutung der Krankheitsbilder“ von Thorwald Dethlefsen / Ruediger Dahlke geschenkt bekam. Mehr Anteilnahme gabs nicht. Er nahm es wörtlich, reichte die Scheidung ein, verkaufte sein Geraffel und zog für die ihm ärztlicherseits in Aussicht gestellten kommenden und verbleibenen 5 Monate nach Thailand, wo er sich in Strandnähe häuslich einrichtete, mit einer netten weiblichen, krankenpflege-erfahrenen Haushaltshilfe versah und schlicht und prompt vollständig genas. Weg ist weg.

  2. Tut mir jetzt echt leid für Dich, aber Meinhart hazutnoch lääääängst nicht alles entdeckt, was der Markt bietet. Längst.

    Du hast somit die einmalige Chance, Dein emotionales Potenzial in großem Wachstum sich entfalten zu lassen. Oder einen Freund zu verlieren. Das ist, im Neo-Advaita betrachtet, eins und das Selbe und somit, naja, egal.

    @Thomas Gerlach
    Die Suche nach Gesundheit findet sich nach Betrachtung sämtlicher objektiver und subjektiver Parameter meistens zu 50% im Schulmedizinischen und zu 50% im Rest. Das zumindest ist mein Eindruck nach 10 Jahren intensivem Durch- und Erleben von Trümmerbrüchen, Gallenkolliken, Blinddarmentzündungen, Fällen von Krebs, Schlaganfall und Co im engen Familienkreis.

  3. Es fällt mir wirklich schwer, das hier zu kommentieren, ohne vollkommen deppert zu wirken. Vielleicht gehts so: ich verstehe das, ich kenne auch Typen wie Meinhart und ich hasse sie ebenfalls. Ich kenne aber auch immer mehr Menschen, denen die Schulmedizin nicht hilft – und das nicht nur, weil sie eventuell nicht wollen. Vielleicht sollte man die an sich durchaus legitime Suche nach Gesundheit nicht so pauschal lächerlich machen. Vielleicht sind solche Triumphe zu leicht.

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