Toleranz

Hassen und lieben. Darunter geht es im Meinungssupermarkt nicht. In den Regalen liegt nur noch super-süß und extrem sauer. Wer nicht am Rand stehen möchte, muss Flagge zeigen. Ablehnung ist dabei eine starke Kraft und billig zu haben – die Gegenseite hat sicher eine schwache Flanke, die mit einem lol-starken oder ROFL-mächtigen Vorstoß angegriffen werden kann.

Toleranz ist in diesem Spiel keine starke Marke. Sie steht im Verdacht, keine Meinung zu haben. Dabei bedeutet sie weder Wegsehen noch Ignorieren. Das Gesicht der Toleranz ist weder das freudige Pro, noch das widerspenstige Contra. Aber genau das lässt sie so blass aussehen in einer Zeit, die sich nach den lauten Peaks über dem Informationsgrundrauschen sehnt.

Es ist so leicht, den in der Tat überstrapazierten Begriff der Toleranz als Gutmenschenattitüde und Wellness-Vokabular abzutun. Aber das ist nun mal das Schicksal von Worten, die zu oft benutzt werden.

Als Prozess bedeutet Toleranz nicht „Mir doch egal“, sondern „Es gibt das und ich dulde es als Teil einer großen Welt“. Toleranz ist keine Aufforderung zum stumpfen Gleichmut, sondern der viel härtere Weg der Auseinandersetzung: Es gilt, sich über eine Sache zu informieren und im Abgleich mit dem eigenen Wissenstand und Wertesystem zu einem vorläufigen Ergebnis zu kommen. Möglicherweise lehnt man den Gegenstand der Betrachtung nach reiflicher Begutachtung sogar herzlich ab. Aber beschäftigt man sich mit einem Thema, dessen Fremdheit einen nervös macht, setzt eine gesunde Relativierung ein und man hat die Muße, seine ersten affekthaften Reaktionen zu hinterfragen:

• Interessiert mich das Thema wirklich? Oder reagiere ich möglicherweise nur, weil es anders ist als das, was ich schon kenne?

• Beschränkt mich das, was ich sehe und nicht mag, tatsächlich in der Ausübung meines eigenen Lebens?

• Greift der Sachverhalt in einem Maße in das Leben anderer Menschen ein, dass ich eingreifen muss, um sie zu schützen?

• Wird meine Meinung, selbst wenn ich sie pointiert formuliere, überhaupt auf wohlwollendes Gehör stoßen und möglicherweise zu einer fruchtbaren Debatte beitragen?

Wer noch einigermaßen klar im Kopf ist, wird diese Fragen in den meisten Fällen mit „Nein“ beantworten müssen. Und dann kann man seine Meinung sogar für sich behalten, was weitgehend unbekannt ist. Einfacher ist es leider, dem ersten Rückenmarksimpuls zu folgen und sein Pro oder Contra grob herauszuschreien. Effektvoller ist es übrigens auch, schließlich hat man so Applaus und Ablehnung in einem Arbeitsgang. Toleranz hat – das macht sie im Meinungsbusiness sehr unattraktiv – keine unmittelbare Sprengkraft.

Mit dem christlichen Ideal der Feindesliebe hat Toleranz als aufklärerische Kraft nicht viel zu tun. Überhaupt hat sie mit Religion nur eines gemein: Allein die Freude an der Vielfalt von Schöpfung und Lebensformen sorgen für einen gesunden Wunsch nach einer friedlichen Koexistenz. Was ganz gut zur aktuellen Blasphemie-Debatte passt, in der sich christliche, muslimische, jüdische und atheistische Diskutanten belauern, die in ihrer unentspannten Ernsthaftigkeit die eigene Lächerlichkeit nicht mehr wahrzunehmen vermögen.

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