Heimat ist ein Provisorium

Der erste Abend in der neuen Wohnung: Der Schirm der Küchenlampe hing so tief, dass er nur einen winzigen Vollmond auf den Küchentisch zeichnete. Schon das Umzugshelfer-Gyros sollte jedoch nicht im Halbdunkel verzehrt werden. Müde vom Renovieren und Auspacken band ich deshalb eine Schlaufe ins Kabel und steckte als Fixierung einen teuren Kugelschreiber hinein. Irgendwann ausgetauscht, hing beim Auszug sechs Jahre später nur noch ein Kuli der Taxizentrale in der immer noch viel zu langen Schnur.

Oder die umgedrehte Cola-Kiste, die als Trittleiter in der Abstellkammer fungierte und selbst beim Umzug in die nächste Wohnung nicht den Weg in den Pfand-Kreislauf zurückfand. Der eingetrocknete Pinsel, der vorübergehend als Pflanzstab herhalten musste und im Laufe der Jahre eine untrennbare quasiorganische Verbindung mit den Sukkulenten einging.

Diese vielen kleinen versteckten Provisorien sorgen für ein Gefühl, das im Abgleich von Fremden und Eigenen schon im erstbesten Hotelzimmer für Heimweh sorgt. Wo ist über dem Heizkörper das zerbeulte Stück Rauhfaser, das man seit Jahren schon ankleben wollte und das beim Griff zum Thermostat wohlig über die Haare des Handrückens streift?

Dieses „Zuhause“ ist der emotionale Quantensprung von der kalten Pornografie einer Hochglanz-Schrankfront zum seltsamen Trödelmarktfund, dessen Erinnerungswert viel höher ist als sein Schätzpreis. Im besten Fall ist die Alchemie des eigenen Wohnens kein ästhetisches Damit-Abfinden, sondern ein buntes Damit-Leben. Das vor Jahren „bis nächste Woche“ hinter dem Sofa verlegte Verlängerungskabel steht für die vitale Kraft einer gewachsenen Heimat. Schließlich kann man in diesem Geflecht aus drei ineinander verzahnten Dreiersteckern auf dem Weg zur Stehlampe mal schnell das Bügeleisen anklemmen. Die zweckmäßigste Verbindung zwischen zwei Punkten ist eben nicht immer die Gerade.

Als Mikrokosmos ist die eigene Wohnung nicht die auf dem Reißbrett entworfene Megacity, sondern ein verwinkeltes Montmartre, in dem sich in der nutzlosen Flucht des Flurs die Bücher bis zur Decke stapeln. In dem der bizarr gemauerte Kaminschacht mitten in der Küche mit einem Bild zur Ausstellungssäule wird und die lose Parkettleiste vor der Tür zum Geheimfach für den Ersatzschlüssel. Heimat ist die Intimität, sich blind in dieser selbst geschaffenen Welt zurechtzufinden. Die Verbindung von Ort und dem darin gelebten Leben.

Dann die Party in der Wohnung von neuen Bekannten. Beide Industriedesigner. Regale mit nach Farben geordneten Büchern, ansonsten ein cooler Traum in Reinweiß. Selbst der Kabelbaum des Multimedia-Centers bleibt unsichtbar hinter einer gebürsteten Alublende. Haben die keine Freunde, die ihnen ein Empire State Building aus Plastik schenken? Auf dem Weg zur Toilette werfe ich einen neugierigen Blick ins Schlafzimmer. Auf dem Heimtrainer sitzt ein grauenerregend hässlicher neonfarbener Plüschbär. Gott sei Dank. Es wurde dann doch noch sehr nett.

Wenn ich zuhause in der Wanne liege, sehe ich drei mit Binderfarbe überzogene Dübel in der Decke. Zwei Augen und ein Mund, aus dem drei Kabel züngeln. Wie langweilig wäre eine ganz normale Lampe? Und wie praktisch.

 

 

 

 

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2 Gedanken zu “Heimat ist ein Provisorium

  1. Ja! genau so ist es. All diese vertrauten Kleinigkeiten geben Halt durch die Verbindung der Vergangenheit über eine vage verschleifte Gegenwart mit überschaubaren, aber konkreten Ziele für die Zukunft.

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