Mental-Dawanda

„Ich kann mich genau erinnern, was ich gerade tat, als mich am 11. September 2001 die Nachricht des einstürzenden World Trade Centers erreichte.“ Tausende Tote und im Gedächtnis bleibt die Anekdote des Ich-Erzählers, den die Unglücksnachricht unter der Trockenhaube, im Vorstellungsgespräch oder beim Zahnarzt ereilte. Ein Verdrängungsmechanismus, der den unvorstellbaren Moment in einen greifbaren Kontext setzt. Verständlich. Aber in den elf Jahren seitdem hat sich die Welt verändert und möglicherweise ist der 11. September ein Symptom für ein Cocooning des Denkens, das die Ich-Form bevorzugt.

Blogs, deren Boom nach 2001 wirklich begann, sind – die Nähe zum Tagebuch bringt das naturgemäß mit sich – häufig von der Perspektive der ersten Person geprägt. Die Welt zeigt sich jedem persönlich und die Art und Weise, in der sie das tut, kann man nicht quantifizieren. Persönliches, das einem selbst so wichtig ist, dass man es anderen mitteilen möchte, ist für den Erlebenden zwangsläufig der Haupterzählstrang. Leider ist Selbstreflexion eine intime Angelegenheit und Selbstspiegelung schmerzfreier zu veröffentlichen.

Was auffällt, ist eine zunehmende Mental-Dawandaisierung. Der Wunsch, seine Befindlichkeit in Worte zu fassen, ist zunehmend größer als das Interesse an der Umgebung in ihren vielen verschiedenen Erscheinungen. Verwirrende Kontexte sind nur noch die Kulisse für das Schreiben über die eigene Verwirrung. Ob es die Suche nach Identität oder der eigenen Sexualität ist – es bleibt so niedlich wie ein frisch geborenes Katzenbaby. Zumal die Schreibtisch-Grenzgängerei im vertrauten Szene-Biotop und in Schutzräumen sozialer oder elterlicher Absicherung stattfindet.

Kein Zufall, dass die größte politische Bewegung seit der Gründung der Grünen trotz einer Gesellschaft, in der sich Arm und Reich so offensichtlich wie nie auseinander entwickeln, nur ein geringes Interesse an sozialer Gerechtigkeit und Umverteilung hat. Die Debatten um Teilhabe an der digitalen Kommunikation sind auf sich selbst zentriert und die Art und Weise, in der schnoddrig beleidigt und mimosig reagiert wird, steht für ein digitales Kommunizieren der Einzelnen.

Dieses Kommunizieren, das kontextlos um sich selbst kreist, gebiert über Umwege auch den Bestseller einer Ex-Präsidentengattin. So legitim ihr Interesse an der Klarstellung kursierender Gerüchte ist – sie arbeitet im Stil eines Mädchenblogs ihre gesamte Beziehungsgeschichte auf und gibt in ihrer Eitelkeit plappernd mehr preis, als das Wenige, was sie behauptete, zurückholen zu wollen.

Es ist kein Plädoyer gegen die Ich-Form. Und auch keines gegen die Preisgabe seiner Individualität. Aber wieviel interessanter sind Blogs, in denen Menschen aus vollem Herzen sagen: ICH mag fränkischen Wurstsalat  – hier ist das beste Rezept. ICH habe diesen Ford Granada gefahren und er war ein geiles Auto! Und auch: ICH habe eine Zeit tiefster Depression erlebt, die mich zermürbt hat und meine Botschaft ist: Es gibt Wege, diese Depression zu überwinden. Was fehlt, ist nicht der Wunsch, zu kommunizieren. Was fehlt, ist die Vorstellung eines Gegenübers, das man zum Lachen, Weinen, Nachdenken oder Wurstsalat-Machen bringen möchte.

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3 Gedanken zu “Mental-Dawanda

  1. Vielleicht beruht diese als selbstbespiegelnd empfundene Form des Sich-Veröffentlichens auf dem Bedürfnis, es jedem mundgerecht machen zu wollen.
    Womöglich rührt die Feigheit, jemanden so anzusprechen, als hätte er eine Persönlichkeit daher, dass sofort einer kommt und das Femininum einklagen möchte, das unsägliche emanzipationsbeauftragte Ding, dass sich in Rede- und Schreibweisen eingeschlichen hat, das „/-in“ bzw. die typisch deutsche Brüskierungsangst, gepaart mit Erwerbssinn. Wenn schon (sich) verkaufen, dann an alle. Wenn ich niemanden ansehe, ist auch keiner beleidigt, – berührt zwar auch nicht, aber anscheinend gewöhnt sich der Leser daran, nicht mehr zum mitdenkenden, verstehenden Mitverschwörer gemacht zu werden, sondern zahlender Voyeur zu sein. Wem das nicht genügt, der muß entweder als textanalysierender Profiler Selbstbefriedigung betreiben oder eben selbst schreiben.

  2. „Wenn ich ein besseres Deutsch schreibe als die meisten Schriftsteller meiner Generation, so verdanke ich das zum guten Teil der zwanzigjahrigen Beobachtung einer einzigen kleinen Regel. Sie lautet: das Wort ‚ich‘ nie zu gebrauchen, außer in den Briefen. Die Ausnahmen, die ich mir von dieser Vorschrift gestattet habe, ließen sich zählen.“ (Walter Benjamin an Gershom Scholem)

  3. @peterbreuer: nichts ist ehrlicher und persönlich auch fruchtbarer, als ein zu schnell gefasstes Vorurteil abzustreifen: ich werde Dich nie wieder (bei mir da drinnen) einen begnadeten Aphoristiker nennen: Danke für diesen analytischen Kurzessay: sehr gekonnt und absolut überzeugend. Stimme ihm in allem zu.
    Rudi K. Sander alias: @rudolfanders

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