Radio Days

Der erste Oktober 1982 war ein klarer, sonniger Tag, an dem es gegen Abend empfindlich kühl in Deutschland wurde. Der Erinnerung an diesen Tag ist die Erinnerung an ein Kofferradio in einem Zug, auf Bahnsteigen und im Bus. Mit der Angst, die Batterien könnten ausgerechnet jetzt schwächeln, während der sechsstündigen Sitzung des neunten deutschen Bundestags.

Der Ausgang der Sitzung war schon seit zwei Wochen klar. Die FDP-Minister Hans-Dietrich Genscher, Otto Graf Lambsdorff, Gerhart Baum und Josef Ertl waren bereits am 17. September zurückgetreten und bekundeten die Absicht, eine neue Koalition mit CDU/CSU zu bilden. Was am ersten Oktober im alten Plenarsaal an der Heussallee stattfand, war nur noch der Schlussvorhang einer Ära. Die Bedeutung dieses Tages lag in der klaren Herbstluft und das drang mit jedem Wort der Protagonisten durch das blecherne Transistorradio.

Helmut Schmidt attackierte den Wortbruch seiner ehemaligen Koalitionäre scharf, schneidend und zugleich hörbar müde von den Konflikten, die er mit der Ratifizierung des NATO-Doppelbeschlusses auch in seiner eigenen Partei gekämpft hatte. Der Triumphator Helmut Kohl barst in einem kurzen Wortbeitrag vor Wohlgefallen, es nun endlich geschafft zu haben und reihte viele „Is will“ und „Is möchte“ aneinander. Die dumpf dröhnenden „lieben Freunde unter Demokraten“ ließen ahnen, welche Nierentischromantik der Politik sein Günstlingsregiment in den kommenden 16 Jahren bringen würde.

Der Moment, in dem die Tränen in die Augen traten, war der Auftritt von Hildegard Hamm-Brücher. Einer Dame der FDP und vielleicht die letzte lebende Dame, die man mit diesem Titel anreden darf, ohne sich lächerlich zu machen. Sie gehörte nach dem Koalitionswechsel nicht zu denen, die die FDP in Richtung SPD oder Liberale Demokraten verließ. Sie warb für Neuwahlen, die einen Regierungswechsel vom Volk legitimieren lassen sollte: Schließlich sei die FDP 1980 mit einer Koalitionsaussage angetreten. Und Hildegard Hamm-Brücher erinnerte ihre Parteifreunde daran, dass sie noch vor zwei Wochen loyal und vertrauensvoll mit der Partei zusammengearbeitet hatten, von der sie sich nun im Handstreich trennten.

Was im Gedächtnis blieben sollte, ist dieser Teil ihrer Rede:

„Wir alle beklagen ja gemeinsam den Vertrauensschwund, vor allem bei der jungen Generation, und wir alle denken darüber nach, wie wir das ändern können, und wir alle haben die Pflicht, daraus auch Konsequenzen zu ziehen. Ich glaube, wir dürfen nicht die Augen davor verschließen, wie wenig gefestigt unsere Demokratie immer noch ist und wie wenig überzeugend es für unsere Bürger ist, wenn in unserem Parlament immer nur vorgestanzte Partei- oder Fraktionsmeinungen vom Blatt gelesen werden.

Deshalb sollten wir alle – und ich möchte hier einmal sagen: liebe Freunde – der persönlichen Meinung und Verantwortung des gewählten Abgeordneten wieder mehr Gewicht beimessen […]”

Dass sie sich in der Flick-Spendenaffäre von 1984 als eine von nur drei FDP-Abgeordneten gegen die breite Mehrheit ihrer Partei stellte und die geplante Amnestie für Spender und Spendenempfänger ablehnte – Details.

Dieser Beitrag wurde unter Feuilleton veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Gedanken zu “Radio Days

  1. An Hildegard Hamm-Brücher erinnere ich mich leider nicht. Wohl aber an das Gesicht meiner Eltern, als Kohl zum Kanzler gewählt wurde. Es war exakt das gleiche, das sie gemacht hatten, als es hieß, ein ausgedienter sowjetischer Satellit würde ausgerechnet über Deutschland abstürzen.
    Mir war natürlich klar, dass der Satellit mir in eben dem Moment auf den Kopf fallen würde, wenn ich mit meinem kleinen zerkratzten blauen Fahrrad den höchsten Hügel des Dorfes erklommen haben würde.
    Und nun auch noch Kohl.
    Das Leben schien sehr endlich in diesen Tagen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s