Geheimnisse

Der kleine Holzkasten mit der Kurbel an der Seite könnte ein Morsegerät sein. Möglicherweise. Vielleicht ist damit ein Code übermittelt worden, der eine ganze Dynastie zu Fall gebracht hat. Eigentlich habe ich keine Ahnung, ob es ein Morsegerät ist, diese kleine Box, die ich einem Trödler für fünf Euro abschwatzen konnte, weil er schließlich auch nicht wusste, was es ist. Ich könnte nachschlagen, nach antiken Morsegeräten googeln und vielleicht auf ein ähnliches Modell stoßen, das ebenfalls im Inneren eine Walze und eine gewickelte Spule besitzt.

Aber viel besser ist es doch, diesen Schatz zu hüten und sich vorstellen zu können, es sei eine von vielen seltsamen Erfindungen eines wirren Tüftlers der vorletzten Jahrhundertwende.  Eines Mannes, der immer mal wieder in seinem Schuppen verschwand und tiefe Befriedigung aus dem Bau nutzloser Apparaturen bezog. Der sich selbst genug war und bis zu seinem Todestag fest daran glaubte, irgendwann vom Zufall überrascht zu werden und aus Versehen der Physik ein Geheimnis zu entlocken.

Bahnbrechend ist immer nur das Verlassen der gewohnten Bahnen und obwohl wir wissen, dass das Wissen die Neugier so gründlich tötet, möchten wir immer informiert sein. Wir vertrauen unsere Kleidungsschichten Wetterstationen an, anstatt die Tropfen auf der Haut zu spüren. Selbst über Ereignisse, die in unser Leben nicht einmal mittelbar eingreifen werden, möchten wir in Echtzeit informiert werden und fühlen uns ohne diese Informationen von einer Welt abgeschnitten, die unseren Horizont ohnehin längst überschreitet.

Wir sind versessen darauf, die Storyline unseres Lebens in Kalendern zu planen und vergessen dabei, dass wir uns später ohnehin nur an die Cliffhanger erinnern werden. Was uns kreativ macht, ist nicht das Wissen, sondern nur der Weg dorthin. Die Befriedigung entsteht nicht in dem lexikalischen Wissen über die selbstbefruchtende Vermehrung des Tortula muralis, sondern in der handgreiflichen Beschäftigung mit dem weichen Moosbett, dessen Geheimnis sich nicht entschlüsseln, sondern nur mit der bloßen Hand fühlen lässt. Vielleicht entsteht dabei sogar die Idee für ein Produkt. Vielleicht aber auch nicht. Es bleibt spannend.

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4 Gedanken zu “Geheimnisse

  1. Ja, lieber Herr Breuer, spannend bleibt es, und nicht nur: „es“. Was könnte dieser Holzkasten wohl alles (gewesen) sein; was alles könnte er werden in Ihrer und unser aller Imagination. Womöglich werden künftige Generationen das Ende einer alten oder den Anfang einer neuen Welt in dieser Box verorten, vielleicht werden Legionen von Anthropohistorikern sie zum Anlass nehmen, die Menschheit oder das Universum zu erklären. Vielleicht ist dieses Holz der natürlich-kultivierte Algorithmus, der den Fortgang der Menschheit in sich trägt. Vielleicht.
    Wissen wir aber, dass das Wissen die Neugier tötet, wie sie so überzeugend und überzeugt schreiben? Ist tatsächlich die sensorische bzw. emotionale Erfahrung die berühmte Mutter aller Kreativität?
    Auch das, was Sie apodiktisch als Selbstverständlichkeit und ‚Wissen‘ postulieren, bleibt spannend. Das zumindest hoffe ich.

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