Köln Concert

 

Der Stutzflügel auf der Bühne der Oper ist das falsche Instrument. Eine Verwechslung. Nicht perfekt gestimmt obendrein. Eigentlich will der Pianist abbrechen. Er fühlt sich ohnehin miserabel, 12 lange Stunden hat er im Auto verbracht. Wütend setzt er sich auf den Klavierschemel und beginnt seine Improvisation. Zuerst langsame Tastenfolgen, die sich aus atonalen Figuren in kleine Melodien fügen. Die zum Thema werden, wiederkehren; von seiner linken Hand zu prägnanten Motiven ausgebaut werden, während die rechte dazu den Rhythmus erfindet. Aus rohen Blöcken entstehen fein gewirkte Partituren, er wird schneller, erfindet neue Muster. Verwirft, sucht, triumphiert. Der Groll gegen Instrument und Umstände verkehrt sich in einen konstruktiven Rausch und das Wissen um die Unwiederholbarkeit des Ereignisses macht atemlos. Der Hörer glaubt, längst nicht mehr nur den mitsummenden, -brummenden, juchzenden Pianisten zu hören. Es ist der Duktus der Hände, die die Elfenbeintasten mal liebevoll streicheln, dann wieder hart traktieren. Vortastende fragende Figuren führen unvermittelt in weite offene Kaskaden, Traditionelles wirkt neu und fremd und nie gekannte Töne klingen so vertraut, als wären es Kindheitserinnungen. Jeder im Saal weiß, dass hier Geschichte geschrieben wird.

Keith Jarrett. Köln Concert. 24.1.1975

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