63,75 Wiesbaden

Ein Briefing der Wiesbadener Agentur Stijlroyal zu bekommen, ist eine der schöneren Sachen, die einem passieren können. Erst recht, wenn es darum geht, zu einem Buch beizutragen, dessen Prämisse es ist, dass alle Autoren vom Gegenstand der Betrachtung keine Ahnung haben: 75 Orte und Unorte in Wiesbaden, von 63 Menschen beschrieben, die möglicherweise zwar schon einmal in Wiesbaden, aber noch am Schauplatz ihrer Geschichte waren. Herausgekommen ist ein monströses Werk von anderthalb Kilo, das man hier und hier und in Buchhandlungen mit Qualitätsanspruch kaufen kann sollte.

Was es aus meiner Sicht mit dem Hochhaus der R+V Versicherung auf sich hat, kann man hier lesen:

Versicherungsexperten

Als beim Umzug der Versicherung der letzte Möbelpacker mit einem Karton aus dem Hochhaus trat, kamen sie. Blitzschnell huschte einer von ihnen aus dem gebäudeflankierenden Rhododendron, stellte einen Fuß quer in die zufallende Tür und winkte die anderen heran. 19 leere Etagen warteten auf sie, ein komfortabler Aufzug und etliches an vergessenem Mobiliar. Strom und Wasser waren von einem anonymen Immobilienfonds im Voraus bezahlt. Freispiel.

Sie trugen Kapuzenjacken und zerschlissene Anzüge, hatten sich aus gutbürgerlichen Elternhäusern davongestohlen oder freuten sich, endlich nicht mehr unter der Brücke des Autobahnzubringers campieren zu müssen. Was sie vereinte, war die Freude an der Inbesitznahme einer eigenen Riesenimmobilie im besten Viertel Wiesbadens. Einem baulichen Bastard, dessen abweisende Architektur wie ein Sinnbild für ihr eigenes Outlaw-Dasein stand.

Auch ohne Absprache einer Hausordnung war ihnen instinktiv klar, was ging und was tabu war: Nachts waren nur diffuse Teelichter erlaubt, tagsüber mussten die Fenster geschlossen bleiben. Männer bezogen Büroräume mit männlichen Namensschildern, Frauen orientierten sich an Büros mit Doppelnamen und Paaren standen die etwas größeren Abteilungsleiter-Zimmer zu. Dass dieses Arrangement nicht ewig dauern könnte, war ihnen ohnehin klar. Aber bis dahin sollte es eine herrliche Zeit werden.

Schreibtische wurden zusammengeschoben und bildeten komfortable Betten. Besenstiele machten die Registraturen der ehemaligen Versicherung zu Kleiderschränken, auf Konferenztische malten sie Dame- und Mühlefelder und in der ehemaligen Kantine fand sich ein Zweiplattenherd, auf dem sie mittags gemeinsam Ravioli kochten. Sie genossen die Aussicht über Wiesbaden und freuten sich über den Weitblick, den ihnen die Höhe des Hauses gab. Weil es ihnen verdächtig erschienen wäre, hätten sie das Haus zu häufig über den Haupteingang verlassen, wurden die nötigsten Einkäufe nur nachts von kleinen Delegationen erledigt.

Entsprechend viel Zeit hatten sie, um das Versicherungs-Hochhauses zu erkunden und sie entdeckten Winkel und Abstellkammern, die selbst in vierzig Jahren als Bürogebäude niemand betreten hatte. Aber bei aller Freiheit: Ihnen wurde ihr Dasein nach einigen Monaten langweilig und es häuften sich Momente der Gleichgültigkeit und Gewohnheit,  die langjährige Paare in die Feindschaft getrieben hätten. Die Intimität der Büros wurde aufgebrochen durch achtlos aufstehende Türen, der Kleidungsstil wurde nachlässiger und der fehlende Außenkontakt machte die Bewohner merkwürdig aggressiv.

Bei einem ihrer gemeinsamen Mittagessen lag plötzlich ein grauer Leitz-Ordner auf dem Tisch. Eine der neuen Hochhaus-Bewohnerinnen war in das zweite Kellergeschoss vorgedrungen und hatte vergessene Akten der Versicherung gefunden: Ungeklärte Schadensfälle, bizarre Ereignisse, an denen Sachbearbeiter verzweifelt waren. Sie, die vom elterlichen Bauernhof nach Wiesbaden gekommen war, hatte sich in die Akte eines landwirtschaftlichen Unfalls vertieft. Es ging um einen Gewässerschaden und sie kannte die Tücken von Güllefässern. Ihr landwirtschaftlicher Hintergrund ließ sie klar erkennen, dass es kein Eigenverschulden war, das den Bauern in den Ruin getrieben hatte. Mit wenigen Worten konnte sie das Plenum überzeugen: Eine Versicherungsleistung wäre angebracht gewesen.

In den kommenden Monaten verwandelte sich das anarchistische Bohémien -Leben im Hochhaus in die emsige Betriebsamkeit einer großen Versicherung. Akte um Akte wanderte aus dem Tiefkeller in die höher gelegenen Büros. Es wurde gewissenhaft geprüft, Experten zu verschiedenen Lebensbereichen fanden sich in den 19 Etagen reichlich: Brandsachverständige, Unfallgutachter aus Opfer- und Täterperspektive und Leidende unter widrigen Umständen waren reichlich vorhanden. Jede Akte musste sich einer erneuten Untersuchung stellen. Sehr oft waren die Ergebnisse anders als die der Vorgängerorganisation. Der Stapel der Schadensfälle, in denen die Bewohner abgewiesene Ansprüche zugunsten der Antragsteller entschieden, wuchs.

Der Kleidungsstil wurde gepflegter und plötzlich gab es wieder Hierarchien. Je mehr jemand erlebt hatte, desto wichtiger wurde er für die Organisation, die sich zum Ziel gesetzt hatte, die Altlasten aus dem Tiefkeller aufzuarbeiten. Es gab Zuarbeiter, die nur sortierten und dokumentierten und Experten, die durch ihre Erfahrungen Entscheidungsbefugnis erhielten. Das Haus selbst bekam eine Struktur, die sich nicht mehr wesentlich von der unterschied, die es zuvor einmal hatte. Etagen wurden getauscht, die Abteilungsleiterzimmer mussten von den Paaren geräumt werden und für Entscheider geräumt werden. Die Kleider lagen auf nun auf sauber geschichteten Stapeln, weil die Registraturen für Akten gebraucht wurden. Trotzdem war die Arbeitsatmosphäre gut und jeden Abend wurde bei Teelichtern der Tag rekapituliert.

Irgendwann waren alle Akten bearbeitet. Die Bewohner feierten ein Fest im Gemeinschaftsraum, der ehemaligen Kantine des Hochhauses an der Taunusstraße. Sie wussten, der Traum war vorbei, niemand würde sich je für ihre Ergebnisse interessieren. Aber jeder von ihnen war zum ersten Mal im Leben wichtig gewesen: Für Menschen, denen in einer kurzen Sekunde ihr Leben aus der Hand geglitten war. So wie ihnen selbst. Ihre Arbeitsergebnisse deponierten sich im Foyer des Hochhauses, säuberlich dokumentierte Aktenvermerke in den verstaubten Leitz-Ordnern des Tiefkellers. Einer nach dem anderen schlüpfte aus dem Haupteingang des Gebäudes und verschwand in den Straßen von Wiesbaden. Ob ihre Untersuchungen an die Versicherung weitergeleitet wurden, war ihnen egal. Sie hatten ihre Arbeit gemacht.

Das Haus 

Betrachtet aus der 681Kilometern hohen Umlaufbahn, auf der GeoEye-1 um die Erde kreist, sieht der Bürokomplex am Kureck wie die Flächenberechnungsseite im Geometriebuch aus. Ineinander verschachtelte Trapeze, die jeden Zentimeter des Grundstücks auszunutzen scheinen und eher am Rand ein schlichtes Quadrat. Das aus der Vogelperspektive pfannkuchenplatte Viereck ist das R+V Hochhaus, das seit vierzig das Gesicht des Kurecks an der Taunusstraße prägt. Nie unumstritten, nie leise – was auch nicht zu seinem trotzigen Stahlgittergesicht passen würde – aber Wiesbadens alleiniger Rekordhalter im 71 Meter-Hochsein.

Hochhäuser, fand Andrew Lawrence als Volkswirt bei Dresdner Kleinwort Benson kurz vor der Jahrtausendwende heraus, werden kurz nach den Höhepunkten wirtschaftlicher Boomzeiten geplant und unmittelbar vor der Krise fertig. Sicher, er sprach vom Metropolitan-Life-Gebäude und vom Chrysler Building, aber auch die Fertigstellung des R+V Hochhauses 1972 fiel in den Vorabend der Ölkrise, die das deutsche Nachkriegs-Wirtschaftswunder zum ersten Mal kurz grübeln ließ.

Geplant in einer Zeit, in der das Wort „Altbau“ noch mit dem Klo auf halber Treppe und längst nicht mit gegenderter Luxussanierung assoziert wurde, bemühte sich die Fassade gar nicht erst besonders, dem Altbau-Bestand auf der anderen Straßenseite schön zu tun. Und so wird der reiche Bauschmuck der Hessischen Staatskanzlei von Süden aus betrachtet von einem schlichten Schuhkarton mit 19 Stockwerken überragt.

Für Architekten und Planer der sechziger Jahre war die Vertikale natürlich auch der Wunsch, „Leuchttürme“ und „Landmarken“ zu hinterlassen. Aber vor allem war ein hohes Haus ein Symbol für Modernität und Urbanität, das sich mit rapide steigenden Bodenpreisen wirtschaftlich begründen ließ. Schließlich sollte das R+V Hochhaus kein Solitär in dieser Toplage bleiben. Im Architekturbüro Kammerer + Belz hat vermutlich niemand damit gerechnet, dass sich die gewundene Prinzessin-Elisabeth Straße auch noch nach vierzig Jahre durch ein grünes Niemandsland winden würde. Inzwischen kreist sie sogar nur noch um den leeren Parkplatz eines leeren Gebäudes – hinauf zu den Gründerzeitvillen, deren Preise sich wegen ihrer urbanen Verdichtungsverweigerung vervielfacht haben.

Im Inneren des R+V Hochhauses gab es große Zeiten. 700 Mitarbeiter sahen nicht von außen auf ein Hochhaus, sondern von innen auf eine Welt, in der es viel zu tun gab: Sie bearbeiteten Blechschäden, Beinbrüche und abgebrannte Scheunen. Sie sprachen in orange Telefone und trugen Aktenmappen, Lochkarten und später Disketten durch die Flure. Sie regelten die Dinge, wenn Kyrill, Emma und Lothar über das Land fegten. Für einige war das Haus keine Immobilie, sondern ein komplettes, vierzig Jahre langes Berufsleben. Als die R+V Versicherung aus dem Turm aus- und in einen deutlich flacheren Neubau am John-F-Kennedy-Platz einzog, gingen der A-K-Meyer, die Kasko-Birgit und der Brand-Rainer.

Das Haus, das ganz ohne Versicherungsschaden zur Ruine wurde, übt seit seinem Leerstand eine magische Anziehungskraft aus. Leere Flure, Reste eines magischen 70er-Jahre-Ambientes und eine Eigentümergesellschaft, die noch in der Planungsphase über eine Umnutzung, eine Entkernung oder einen Rückbau ist. Obwohl Wachdienste auf den Betonplatten Streife laufen, gibt es Wege in das Haus. Immer mal wieder gerät ein Shisha-Feuerchen zwischen den alten Schreibtischen außer Kontrolle oder die Hydrokultur-Kügelchen verteilen sich auf wundersame Weise unter frischen Graffitis.  Kein gutes Ambiente mehr für die Treppenläufer des Wiesbadener Skyruns.

Noch streiten sich Wiesbadener Kommunalpolitiker über Architekten-Entwürfe für eine neue Fassade. „Einfallsreich“ soll sie sein, energetisch auf dem Stand eines Passivhauses, regenerative Energien nutzen und aus heimischen Baustoffen bestehen. Schließlich steht das R+V Hochhaus in exponierter Lage. Aber möglicherweise ist das Problem einfach die Höhe eines Hauses, das sich zwar neben dem 260 Meter hohen Frankfurter Commerzbank Tower mickrig ausnehmen würde, für Wiesbaden aber den Gulliver gibt. Gesucht wird – natürlich – ein Entwurf mit menschlichem Maß. Aber den glaubte man schon 1972 gefunden zu haben. Schließlich lobten Architekturkritiker am R+V  Komplex besonders die überschaubare Struktur, die sich „an städtebaulichen Prinzipien“ orientiere und Mitarbeitern und Besuchern Überschaubarkeit und Orientierung garantiere. Wie auch immer die neue Fassade wird, gut ist sie nur, wenn sie auch in vierzig Jahren noch für Debatten sorgt.

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