Pipi trinken

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Esskultur war nicht Bertholds Stärke. Er fraß wie ein Schwein, zerdrückte seine Kartoffeln wie ein Fünfjähriger und rauchte Kette, während alle anderen noch mit dem Hauptgang beschäftigt waren. Später erklärte er mit der Spitze seiner brennenden Zigarette die Schnittreihenfolge seiner letzten Bypass-Operation.

Berthold war der verwitwete Vater einer Freundin, die seinem starken Wunsch nach Geselligkeit entgegenkam und ihn oft einlud, wenn wir bei ihr aßen. Ab 35 war es keinem meiner Freunde mehr peinlich, die eigenen Eltern auch mal zu einer Feier einzuladen. Das Wissen um die eigene Peinlichkeit hatte zugenommen.

Werber laden ihre Eltern nicht ein. Sondern lieber einen Pianisten.

„Komm Jasper, zier dich nicht!“. Dieser Zwerg hatte sich in seinem Leben noch nicht geziert und jetzt witterte er seinen großen Auftritt. Er drehte sich den Klavierschemel auf Barhockerhöhe und beugte sich pathetisch über die Tasten.

Franz Schubert. Wie schön. Kenner neigten die Köpfe verträumt in Schieflage, andere mussten ihren Ekel vor Jasper herunterschlucken. Es war furchtbar und der Zwerg ließ keine Strophe aus. Man wollte endlich mit dem Prosecco anstoßen, doch eine Texterin schnitt noch rasch das Moment der Rührung an, das in Schubert-Liedern ihrer Meinung nach so unzweifelhaft zur Geltung kam. Die Kontakterin neben ihr musterte ihren tantenhaften Mohairsack so unverhohlen angewidert, dass tatsächlich ganz kurz ein Moment der Rührung aufkam. Jasper spielte ihr zu Ehren noch drei Takte, stieg vom Hocker ab und setzte sich auf einen Tripp-Trapp-Stuhl am Ende der Tafel. Ich sah meinen Händen verwundert beim Klatschen zu.

Wieso machen wir es uns so schwer? Warum können wir uns nach Jahren der Erziehung und Ausbildung nicht einfach gegenseitig ungebildet lassen und Frikadellen essen? Aber unser Minderwertigkeitskomplex gegenüber anderen Berufen sitzt so tief und muss dringend kompensiert werden. Eine Philip Starck-Zitronenpresse ist voll Achtziger und liegt längst im Sozialkaufhaus. Heute brauchen wir einen Pianisten mit Schubert-Repertoire.

Damals im Deutschunterricht haben wir die Verteufelung der Werbung geliebt – weil diese Stunden lascher war als Erdkunde und die Mechanismen leicht zu durchschauen. Unsere Lehrer freuten sich an unseren aufgeweckten Kommentaren zu Günter Herburgers „Birne macht Reklame“.

Birne war eine sozialkritische und blitzgescheite Glühbirne, die aus lauter Übermut „Pipi trinken“ an den Himmel schrieb und damit künstliche Nachfrage erzeugte. Natürlich schmeckte Pipi nicht, aber große Buchstaben machen eben Durst auf Pipi. Im Prinzip ist die Formel immer noch gültig, aber mit so einfachen Rezepten würden wir unseren Beruf unnötig abwerten.

Der Gastgeber, ein Kreativer, der seine Spezialisierung auf Herrenmode mit „Hosen-Kompetenz“ beschrieb, hatte die Küche seines Hauses noch nie benutzt. Das merkte man an seinem unsicheren Gezupfe an den Soft-Close-Schubladen mit zeitlosen Lackoberflächen und hinterlackierten Glasakzenten. Vom Kochen hatte er nicht den Hauch einer Ahnung, aber er kaufte gerne teuer ein.

Von einem babygroßen Thunfisch hobelte er mit einem Damaszener-Messer dünne Lagen, faltete sie zu kleinen Paketen und erzählte den Gästen in der Küche, die viel lieber ein Bier getrunken hätten, wie viele Arbeitsschritte dieses Wunderwerk von Messer durchlaufen hatte. Schließlich kehrte er den angesäbelten Thunfisch und die Thunfisch-Späne zusammen, lobte mit zusammengepressten Lippen die Kochkünste seiner Birgit und warf alles in einen riesigen amerikanischen Mülleimer. Die sensorgesteuerte Klappe öffnete sich automatisch.

„Und – was machst Du so nebenbei?“, fragte mich eine Designerin, die sich gerade ein gefülltes Weinblatt in den Mund stopfte. Saufen und Zeitunglesen war sicher nicht das, was sie von mir hören wollte. Man musste, das hatte ich den ganzen Abend schon gemerkt, ein „Projekt“ haben. Etwas, das die Banalität des Brotberufs auf eine andere Ebene hob und bewies, dass man in größeren Zusammenhängen dachte.

Ein Fotograf, der sein Geld mit der Ablichtung preiswerten Plunders verdiente, erzählte von einer Serie isländischer Briefkästen, die er im Stil der Düsseldorfer Fotoschule anlegte. „Spärliche Vegetation, eine zurückgenommene Farbigkeit und der depressive Himmel als Becher-Zitat.“

Mir gegenüber saß der einzige Nichtwerber an diesem Tisch und drehte seine Pupillen ins Innere des Kopfes.

Ich hätte der Designerin, die mich gerade nach meinem freien Projekt fragte eigentlich die Schmach gegönnt, einen Tischnachbarn ohne weit fortgeschrittenes Buchprojekt zu haben. Aber sie tat mir leid. Also log ich. „Ich kaufe bei eBay Brillen für einen Euro. Seit Jahren schon. Das mag sich für Dich vielleicht verschroben anhören, aber ich habe eine Glaswerkstatt im Lippischen gefunden, die für mich 500 Kilogramm Weitsicht-Brillengläser in ein riesiges Glasobjekt schmilzt.”

Sie glotzte mich an. Mein fiktives Projekt übertraf ihre Erwartungen. Jetzt musste ich schnell nachlegen.

„Ein Spezialunternehmen aus Süddeutschland übernimmt den Transport in die Mojave-Wüste, wo das Glasobjekt als LandArt-Skulptur aufgestellt wird. Das Licht der Wüstensonne wird zu einem Wärmefeld. Ich nenne es SunGlasses. Mit Mittelinitiale. Verstehst du?“ Sie war offenbar zufrieden, dass auch ich künstlerisch tätig war. Mehr hatten wir uns allerdings nicht zu sagen und sie fixierte für den Rest des Abends den ausgeblichenen Rinderschädel, der hinter mir als Deko auf der ungestrichenen Betonwand hing.

Einfach nur sein Geld verdienen, das reichte längst nicht mehr. Wer war schon stolz auf einen Beruf, den eigentlich auch eine Glühbirne hätte ausüben können, die „Pipi trinken“ an den Himmel schrieb. Ein intellektueller Ausgleich war gefragt und die wirtschaftliche Krise, die viele nach fetten Jahren erfasst hatte, verunsicherte zusätzlich. Gab es eigentlich Änderungsschuster, die aus den abgefrästen Sohlen ihrer Werkstatt Schuhobjekte herstellten?

Glücklich, wer als Werber in rheinischen Düsseldorf noch den Stil einer goldenen Epoche pflegen durfte. Zwar nicht so hip, aber dafür freundlich angestaubt, wie ein Pornofilm mit unglaublich vielen Schamhaaren.

Ludger und Kai hatten mich eingeladen. „Im Bereich Medical Care geht unheimlich was ab. Bock?“ Ihre Website verriet nicht viel über die Größe der Agentur und zeigte eigentlich nur ihre riesigen Altbauräume über der Kö. Als ich kam, sah ich außer Uwes Frau keine weiteren Mitarbeiter.

Sie versprach, es gehe gleich los. Im Moment sei noch eine „Telko“, ich solle im „Konfi“ warten. Ich sagte „Keipro“ und sie fragte irritiert nach. „Kein Problem“, murmelte ich.

An einem tiefschwarzen See von Konferenztisch verbrachte ich große Teile der Wartezeit damit, den inneren Zwang zu unterdrücken, fettige Fingerabdrücke auf die Oberfläche zu setzen. Als Ludger und Kai hereinpolterten, hatte ich gerade mein Sakko ausgezogen und polierte mit der Wolle Kratzer in den Tisch. Sie hatten zwei Umzugskartons dabei, deren Inhalt sie auskippten, während sie mir begeistert erzählten, worum es ging. Ein amerikanischer Konzern plante die Markteinführung eines revolutionären Zahnabdruckmaterials und in den Kartons waren Kartuschen mit schnellhärtender Abformmasse, Zahnschienen und Holzspatel. Die beiden freuten sich wie Kinder.

„Hey, du musst doch wissen, wovon du reden sollst.“ Ludger, der im Gespann mit Kai den verrückten Kreativen gab, wühlte in den Schätzen, die der Kunde ihnen geschickt hatte, während sein Kompagnon als Stratege das Briefing kommentierte. Er stocherte argumentativ im Vagen. „Komm, wir probieren den Mist mal aus!“, rief Ludger und riss erste Packungen auf. ”Ey Wahnsinn, die haben uns sogar den Zweikomponenten-Mischer geschickt!“ Die spielerische Freude und Unbedarftheit von Ludger war ansteckend. Er war weit entfernt davon, ein „freies Projekt“ haben zu müssen. Leider war er auch ein kompletter Vollidiot.

Bevor ihn jemand zurückhalten konnte, füllte er Polyether und Silikon in den großen Mischer. Es triefte auf den makellosen Tisch. Ludger zog am Spannhebel und drückte mir eine Zahnschiene in die Hand. „Los, mach mir mal eine fette Ladung fertig.“ „Und du bist ganz sicher, dass du das ausprobieren möchtest?“, fragte ich ihn.

„Klar, nimm nur reichlich.“ Dann wurden seine Sätze undeutlicher, weil er sich die Abdruckschiene mit der matschigen Masse in den Mund gestopft hatte. Er strahlte mich an, aus beiden Mundwinkeln tropfte es hellrosa und er zählte mit den Fingern bis zehn. Zehn Sekunden, so schnell härte die neuartige Pampe aus, erklärte mir Kai. Als Ludger vergeblich versuchte, den Klumpen aus dem Mund zu zerren, verstand man nur „Cheisse, meine Brücke ist hängen geblieben“ und sah ihn rot anlaufen. Das Projekt zog sich etwas in die Länge, weil Ludger in den folgenden Wochen etliche Zahnarzttermine hatte und verlief schließlich im Sand.

Erfolgreiche Werbung hat sich irgendwann eingeredet, selbst Kunst zu sein. Wer diesen Schritt geschafft hat, ist endlich abgebrüht genug, sich eine „Pipi trinken“-Neonschrift als Jenny Holzer-Installation auf dem Times Square vorzustellen.

Das fing an, als man in den späten 80ern zum Werbung-Gucken ins Kino ging. Ironisch – versteht sich. Die Cannes-Rolle lief schließlich in denselben Programmkinos, in denen Soziologiestudenten ironische Russ Meyer-Pornos sahen. Ich verstand das nie: Man ging doch eigentlich zu spät ins Kino, um keine Werbung zu sehen und nun kostete etwas Eintritt, das längst bezahlt war? In meiner Erinnerung handelten alle Cannes-Rollen von sechs nackten Finnen, die in einer Sauna saßen, bis einer von ihnen pupste. Der, der mit einer Tageszeitung wedelt, sagte schließlich etwas mit Kaurismäki-Stimme. Im Untertitel stand dann sinngemäß „Helsingin Sanomat. Wir machen jeden Furz zur Meldung“.

Heute haben erfolgreiche Werber haben keine polierten Konferenztische und keine roten Sofas mehr, sondern spartanische Denkzellen oder Büros wie autonome Jugendzentren, in denen sich die ADC-Preise unausgepackt in Blister-Folie vor der Heizung stapeln. Auf dem Gang einer Hamburger Agentur kam mir ein Mann mit einem Boba Fett-Helm entgegen. Die 600 Euro Metall-Replik aus den USA, die mit den handgemalten Kratzern. Er drückte zur Begrüßung kurz auf einen Knopf an der Schläfe und ein blechernes Lachen kam aus dem Helm. Hinter einer Glaswand warf ein Art-Director in Skinny-Jeans einen Tischtennis-Ball gelangweilt gegen die Wand, von dort tippte er gegen die Decke und fiel zurück in seine Hand. Wie ein katatonischer Käfig-Tiger wiederholte er sein Ritual. Langeweile kannte der nicht.

Im Meeting ging es um teuren Modeschmuck für Boutiquen. Qualitativ knapp oberhalb der Sorte, von der Nickelallergiker böse Ausschläge bekamen. Ein junger Designer schlug vor, den Schmuck auf den Holzfiguren des Isenheimer Altars zu fotografieren, um sie „in einen anderen Kontext zu versetzen“. Etwas in der Art habe er mal in einem amerikanischen Modeblog gesehen. „Nett gemachte Geschichte. Rapper-Schmuck, in einem Seniorenheim fotografiert.“

Keiner hörte ihm zu, ihm fehlte im Rudel noch die nötige Aggressivität. Eine Texterin stand auf und warf lässig einen Laserausdruck auf den Tisch:

„Billig aussehen muss nicht teuer sein – das ist unser Claim und dann sagen wir in der Copy knallhart, wie nuttig der Plunder aussieht. Mit dieser Selbstironie zahlen wir auf die Marke ein.“ Sie hängte sich zwei Kugelschreiber in die vergoldeten Riesencreolen an ihren Ohren und machte dazu einen albernen Schmollmund.

Grundmurmeln. Immerhin. Aber keine offene Zustimmung. Plötzlich betrat Boba Fett den Raum, nahm seinen Helm ab und sagte mit überraschend heller Stimme: „Kinderleichen. Wir fotografieren den Schmuck auf Kinderleichen.“ Mir gefror das Blut in den Adern. Der Kreativ-Geschäftsführer federte in seinen Pferdelederschuhen: „Perfekt. Das Ding ist im Prinzip fertig.“ Ich sah entgeistert auf sein Profil, das konnte er nicht ernst meinen. „Das ist groß, ganz groß. Wir werden Ärger bekommen, einen Shitstorm erster Güte. Vorher spenden wir allerdings unser ganzes Honorar für den Scheißjob an ein Kinderhospiz. Alle werden über uns reden.“

Ich musste dringend zur Toilette, schloss die Tür hinter mir besonders fest und dachte: „Ein Projekt wäre schön. Irgend etwas ganz anderes.“

 

 

 

 

 

 

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