Verwohner, staatl. gepr.

japan

Ein paar Eames-Stühle von Hermann Miller (nicht von Vitra – das wäre zu einfach), ein großer verrosteter Kneipen-Neonbuchstabe und eine Sammlung weißer Vasen aus den 50er Jahren. Das ist meine Wohnung. In bester Lage von Hamburg. Eigentlich müsste ich sagen – das ist immer wieder meine Wohnung. Weil ich meine Geschäftsidee gefunden habe und nach getaner Arbeit mit meinen drei Habseligkeiten weiterziehe. Ich bin „Verwohner“ und „Patinageber“ in Eppendorf, eine lukrative Sache – Miete war gestern.

Tagsüber stromere ich herum und besuche die einschlägigen Antiquitäten-Geschäfte. Was mir gefällt, lasse ich mir einpacken. Mal sind es die japanischen Geisha-Figuren mit den auswechselbaren Frisuren, mal die Modezeichnungen aus den dreißiger Jahren. Zu jedem Teil, das mir gefällt, formuliere ich ein paar Zeilen, die ich in eine Kladde schreibe oder auf die Rückseite der Bilderahmen klebe. Fiktive Geschichten, die erzählen, wie eben jenes Teil den Weg in die Wohnung gefunden hat. Nicht den profanen Kauf, sondern ein paar Zeilen mehr: Mit dem hölzernen Abakus hat schon Heisenbergs Sohn gespielt und die abgewetzten Ballettschuhe hat John Neumeier als Party-Mitbringsel in die Bude getragen. Kurz nachdem er nach Hamburg kam und in dieser Wohnung seinen ersten deutschen „Kartoffelsalat“ genoss, den er so unverkennbar amerikanisch ausssprach.

In den Küchen mit den kombinierten Ceran-Gas-Kochfeldern nehme ich mich selbstverständlich nicht in acht. Das ist Teil der Geschäftsbedingungen. Ich koche immer auf voller Flamme und bevorzuge hart Gebratenes. Das hinterlässt mehr gelebte Patina auf untapezierten oder lehmverputzten Wänden. Nach mir werden sie einziehen – die Redakteurin und ihr Unternehmensberater, beide Anfang Dreißig. Sie haben ihr Bachelorstudium in Rekordzeit absolviert und nichts erlebt, aber sie sind verrückt darauf, schon Spuren hinterlassen zu haben. Und sie haben Geld genug, sich einen professionellen Verwohner leisten zu können.

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