Als er wusste, dass ihn das Publikum zum Dschungelkönig gekrönt hatte, war Joey Heindle alleine im Camp. Es waren maximal 60 Sekunden, die ihn die Kamera beobachtete. Für einen Sender, der das Aufmerksamkeitsdefizit der Zielgruppe mit Zehntelsekundenschnitten belohnt und die dürftigen Highlights seines Szenenfundus im Stakkato wiederholt, eine quälend lange Zeitspanne.

Zu sehen war ein Junge, der für seine Freude keine Worte fand. Der wie ein katatonischer Käfigtiger durch die Palmenkulisse stolperte und sich selbst Worthülsen voller Bildsprünge aufsagte. Der nicht viel, aber immerhin sehr genau weiß, dass jetzt von ihm Emotionen der Überwältigung gefragt sind. Sein Gestammel wirkte von einem inneren Blatt abgelesen, aber die Medien feiern ihn als „authentisch“. Authentisch ist das Todesurteil, es heißt: „Selbst für Selbstschutz zu dumm. Den beuten wir bis auf die Knochen aus und kotzen die Reste auf den Teller.“

Joey Heindle hat eine Ausbildung zum Beikoch absolviert. Man muss keine Gastronomieerfahrung haben, um zu wissen, was „Beikoch“ über seine Schullaufbahn sagt. Er hat seine anschließende Kochlehre abgebrochen und sich bei „Deutschland sucht den Superstar“ beworben. Dort hatte er das Glück – oder war es sein Pech? – ins Rollenmuster der Zehnerauswahl zu passen. Der Mädchenschwarm, die Balladenprinzessin, der Rebell und der Trottel. Joey war der Trottel, der sich von Bohlen lächelnd beleidigen lassen durfte. Nach seinem Ausscheiden produzierte er eine Single, an deren schlechter Chartplatzierung vermutlich andere verdient haben.

Der König des Dschungels ist ein Opfer. Er wird eine kurze Zeit in großen Autos gefahren werden, von Termin zu Termin, von Lanz zu „Explosiv“ zur Möbelmarkteröffnung zur Kirmes im Hunsrück. Wenn er nicht straffällig wird, ist seine Prominenz irgendwann eine nicht mehr gepflegte Internetseite, deren letzter Termin unter „Aktuelles“ fünf Jahre zurückliegt. So wie all die anderen, die in der Karrieredämmerung von irgendeinem Privatfernsehen-Zulieferer im VW-Bus zu korrupten Busenmachern gefahren werden, die für ihre Klinik etwas Promo brauchen.

Was wirklich ankotzt, ist die Verlogenheit, mit der Tageszeitungen wie die Süddeutsche plötzlich die BILD als Quelle benutzen, um Joey Heindle vorzuführen. Die schlimme Kindheit ist der Vorwand für das Rührstück, da kann man auch mal ein Blatt zitieren, das erst mit dem Wulff-Anruf auf Kai Diekmanns Anrufbeantworter auf dem Schirm der Süddeutschen Zeitung auftauchte.

Was das mit der #aufschrei-Debatte zu tun hat?

Hier muss ich die Perspektive in die erste Person wechseln. Ich beobachte die #aufschrei-Diskussion von Anfang an und bringe denen, die durch diese Aktion ermutigt wurden, zum ersten Mal zu sprechen, viel Sympathie entgegen. Es gab, das bringt die Schwarmartigkeit der Debatte mit sich, an den Rändern Unschärfen und in der Mitte Polarisierungen. Mich hat überrascht, wie viele Menschen, die ich für besonnen und progressiv hielt, ein muffiges und feindseliges Geschlechterbild in sich tragen.

Aber noch mehr hat mich überrascht, wie eng die Horizonte der Mediennutzung sind. Zur gleichen Zeit, in der über sexuelle Übergriffe diskutiert wurde, waren es oft genug dieselben Diskutanten, die mit gleicher Inbrunst das Dschungelcamp sahen. Die Sendung, in der jede aus dem Bikini gerutschte Brustwarze schwiemelig gefeiert wird. Der von hinten gefilmte Hoden so oft wiederholt wird, bis das Bild kaum noch von der Netzhaut zu löschen ist.

Das Dschungelcamp wird nicht mehr als Resterampe der Prominenz gegeißelt, sondern durch die Bank gelobt. Wie pointiert die Häme der Moderatoren vom intelligenten Gagschreiberteam formuliert wurden. Wie gut sich der Dirk Bach-Ersatz gemacht hat. Und auf n-tv.de lässt Thomas E. Schmitt unter dem Titel „Tschüss, du draller junger Hintern!“ seinen schmierigen Testosteron-Füller in einem einzigen Text so schöne Sachen schreiben wie:

…das dralle It-Girl all ihre körperlichen Vorzüge… …die nippelfixierte „Unter uns“-Trulla Claudelle Deckert… …und was wird nun aus der heißen Dose?… …wie sie sich einen Kamel-Penis in den Rachen steckt und in einen Schafshoden beißt… … ging ihm der doppelzüngige Katzenberger-Brutkasten am meisten auf den Senkel. Schlaff wie eine riesige Tüte Halb-und-Halb saß die Klein seit Tagen nur auf ihrem speckigen Mutti-Hintern herum… …und wieso wackelt die alte Hängebrücke unter Iris Cellulite-Stampfern beim Auszug genauso stark wie beim Einzug? So leicht lässt sich die gute alte Physik dann eben doch nicht vernatzen…

Und zum Schluss gehen ihm vollends die Pferde durch:

„Olivia Jones denkt dagegen ständig an Schmuddelkram. Sie will dem Sixpack-Sänger unheimlich gerne mal das Genital streicheln, die Fahne hochhängen, die Stange jucken, die Nudel putzen, das Gemächt schaukeln, das Stahlrohr wienern, die Gurke schälen, den Hammer rubbeln und alles, was sich sonst noch gut macht in der Suche bei Google. Sie selbst sagt „Klötenmassage“ dazu.“

Wer diesen Dreck konsumiert, goutiert und nicht vernichtend kommentiert, verliert jede Berechtigung, sich über sexuelle Belästigung, Verächtlichmachung und tatsächliche Opfer von Übergriffen zu unterhalten.

Mein persönlicher #aufschrei gilt den Opfern. Menschen, denen Gewalt angetan wird. Durch Medien, die über mehr Präsenz und mehr Macht verfügen, als es 140 Zeichen haben. Einem Joey Heindle, dessen 19jährige Unbedarftheit eine geile Ware für ein schnell drehendes Medienspektakel ist, gehört mein Mitgefühl.

Wenn heute abend um 21.45 Uhr bei Günter Jauch Thomas Osterkorn, Silvana Koch-Mehrin, Wibke Bruhns, Hellmuth Karasek, Alice Schwarzer und Anne Wizorek über den #aufschrei diskutieren, ist das Dschungelcamp vorbei. Die Sendung wird die beste Einschaltquote haben, die Günter Jauch je hatte. Es wird laut werden und die Sendung wird eine gute Quote haben. Die Opfer von Übergriffen werden nicht vorkommen, Opfer sind leise. Aber die Quote wird gut sein. Die Quote ist immer die Hauptsache.