Die Rathausuhr

Die Rathausuhr war ein mechanisches Mirakel und ihrer Zeit um einige Wochen voraus. Vielleicht sogar einen Monat. Ihr Schöpfer sollte ursprünglich geblendet werden, um zu verhindern, dass andere Städte mit ähnlichen Uhren aus seiner Hand ebenfalls zu touristischen Anziehungspunkten wurden. Irgendwann geriet das Thema Blendung in Vergessenheit und Blendungen insgesamt aus der Mode. Der Uhrenbauer jedenfalls verlor durch eine kleinere Verletzung (Ein Tannenzapfen-Gewicht war ihm auf die Finger gefallen), den, wie er es nannte, „Bock auf die Scheiß-Rathausuhren“ und er verlegte sich auf die Zucht von Araucana-Hühnern. Hinfort pries er auf Wochenmärkten grünliche und bläuliche Eier an.

Nach der Brutperiode eines Turmfalkenpärchens oberhalb der großen Zahnräder büßte die Rathausuhr verschmutzt durch Nistabfälle ihren Gleichlauf ein. Ihr Erbauer wäre der einzige gewesen, der das hätte beheben können, aber er war längst mit seinen Hühnern über alle Berge. Im Laufe der Jahrhunderte wurde die Uhr zum Mythos. Auch, weil zwischen all den widersprüchlichen mündlichen Überlieferungen irgendwann nicht mehr klar war, was sie damals tatsächlich so berühmt gemacht hatte. In ihrem Inneren stapelten sich bemalte Metallfiguren, Zahnräder, Buchstaben und Glocken, aber ohne die richtig eingestellte Mechanik blieben sie wortlose Schauspieler ohne Drehbuch, ein Haufen totes Blech.

Einen jungen Uhrmachergesellen packte die Faszination der verbogenen Stangen, ausgeleierten Federn und ausgehängten Gewichte. Sein Traum war mehr als eine mechanische Rekonstruktion, er wollte die Geschichte der Rathausuhr enthüllen, den Mythos lüften, der dadurch entstanden war, dass seit so langer Zeit kein lebender Mensch die Uhr hatte zur vollen Stunde schlagen sehen. Als Meisterarbeit geplant, wurde daraus ein Projekt von fast zwei Jahrzehnten. Schon zur Halbzeit ahnte der Uhrmacher, inzwischen längst verheiratet, Vater geworden und verwitwet, dass die von ihm restaurierten Figuren etwas ganz Besonderes aufführen würden. Etwas, dessen Ablauf er trotz all seiner Einblicke in das Innenleben des Uhrwerks weder wusste, noch wissen wollte.

An einem Mittag um Punkt zwölf war es soweit. Die Stadt hatte zur Premiere geladen und der Rathausmarkt war dicht gefüllt. Fotohandys reckten sich in die Höhe und Kamerateams richteten ihre Teleobjektive auf den Rathausturm. Mit dem ersten Schlag des Glockenspiels öffnete sich die Holztür rechts vom Zifferblatt, ein Schienenkreis schob sich vor und elf Jünger bewegten sich über den freischwebenden Schienenstrang: Petrus trug einen Korb mit Fischen, Judas wedelte mit dem symbolischen Geldbeutel und Thomas trug eine Lupe.

Das Auftauchen jedes einzelnen Apostels wurde auf dem Rathausplatz beklatscht und die Beweglichkeit und Farbenpracht der Metallfiguren gelobt. Zum Schluss, da war man sich sicher, würde Jesus die Bühne betreten und die Menge vermutlich segnen. Das war also der Mythos, der diese Uhr über Jahrhunderte so berühmt gemacht hatte. Zu Recht fanden die Kommentatoren, die das Spektakel live übertrugen. Doch Jesus erschien nicht. Stattdessen tauchten die Apostel ein zweites und drittes Mal auf, begannen zu tanzen, schlugen Räder und spielten auf Instrumenten. Gegen Viertel nach Zwölf wurden die Menschen unruhig, um halb eins stutzig. Sicher, die Vorführung wiederholte sich nicht, aber wo blieb die Pointe? Und wo blieb Jesus?

Der Mann, der die Uhr seit so vielen Jahren restauriert hatte, stand mit den anderen auf dem Rathausplatz. Er wusste, gleich würde das Schauspiel enden. Und Jesus würde nicht kommen, sondern eine andere Figur. Doch obwohl er jede Schraube und jede Feder des Glockenspiels kannte, wusste er nicht, was geschehen würde. Allein, dass eine große Zahl von frisch gereinigten Buchstaben eine Rolle spielen würde.

Judas war es, der das Ende des Glockenspiels einleitete. Er verbeugte sich auf der Fahrschiene vor dem Zifferblatt, warf seinen Geldbeutel heiter in die Höhe und zog ein Band von Buchstaben hinter sich her: „Wartet auf nichts und verschwendet keine Zeit. Geht den Dingen entgegen. Diese Uhr läuft genau. Wann das Glockenspiel wieder erscheint, ich werde es nicht verraten. Es bleibt ein Geheimnis. Freut euch, wenn es geschieht und freut euch über das, was ihr in der Zwischenzeit bewegt.“

Der Uhrmacher war stolz auf sich. Und auf seinen Vorgänger. Er wusste, er würde sich nicht auf seinen Lorbeeren ausruhen und er freute sich auf das ruhige Leben mit seinen Hühnern.

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