Der Furor ist zurück.

furor

Das Substantiv „Furor“ führte lange Zeit ein Schattendasein.  Trotz seines stürmischen Naturells lag das Wort in der Kiste für die besonderen Anlässe weit unten. Der Furor musste den schlechten Odem anderer Ladenhüter ertragen. Selbst des Furors Base „Wildheit“ und sein Oheim „Raserei“ sorgten nur selten für Aufsehen.

Dann trat Bundespräsident Joachim Gauck Anfang März vor das Mikrofon von Spiegel-Redakteuren. Der Experte für zerstörte Wörter setzte das geschredderte Wort aus vielen kleinen Schnipseln wieder zusammen, klebte sogar noch die ebenfalls aus der Mode gekommene „Tugend“ davor. Der Furor machte Furore. „Aufschrei!“, riefen die, die sich mit dem Inhalt des Gesagten beschäftigten. „Hurra, ein neues Wort!“, riefen die, die tagtäglich um Worte ringen, die sie „Content“ nennen. Der Furor hatte es geschafft, er war erfolgreich reanimiert und durfte wieder mitspielen. Vom Politikteil über das Feuilleton bis hin zum Sport – der kleine Wirbelwind Furor ist wieder mitten unter uns. Eine willkürliche und sicher unvollständige Presseschau der letzten Tage. In Vergleichszeiträumen vor März 2013 wurde das Wort nur selten benutzt und die Journalisten, die es bemühten, trugen Backenbärte und rauchten Pfeife.

Süddeutsche Zeitung, 12.03.2013, McDonalds als Sponsor eines Projekts zur Ernährungsbildung

[…] Grund für den Furor des Vereins: Das Konglomerat aus Verbänden, Zentralen, Firmen und Organisationen soll Kindern unter anderem beibringen, wie sie gutes Essen erkennen. Und unter anderem gehört McDonald’s zu den Bündnispartnern. […]

Tagesspiegel, 12.03.2013, Fernsehkritik „Der Baron“

[…]benötigt für seinen Furor nicht einmal ein Publikum. Als Franz Ferdinand zu Donnersberg endlich den Ministerposten erobert hat, rockt er zusammen mit Freund Max „Highway to Hell“ zur Luftgitarre. […]

Die Welt, 12.03.2013, Fernsehkritik „Hart aber fair“

[…] und konfrontierte ihn mit umstrittenen Aussagen seiner Bischofskollegen – etwa mit der Bezeichnung „Pogromstimmung“, mit der der Erzbischof Gerhard Ludwig Müller in der „Welt“  einen angeblichen antikatholischen Furor in Medien und Gesellschaft diagnostiziert hatte. […]

Die Welt, 12.03.2013, Joschka Fischer und Fritz Stern

[…] nimmt Stern in seinem Furor gegen den jüdischen Staat, dessen Regierung sich mit den amerikanischen Rechtsradikalen verbandelt hätte, genauso wenig wahr wie Fischers Bitte, die Folgen der Terroranschläge gegen die Israelis auf die Politik des kleinen Staates zu berücksichtigen. […]

Stern, 12.03.2013, Wahlkampf in Venezuela

[…] Jede Kritik an ihm wird von Chavistas mit Furor zurückgewiesen und die Opposition hat es schwer, das Vermächtnis des als „Befreier Südamerikas“ titulierten Chávez zu kritisieren. „Wir waren Gegner, nie Feinde“, sagte Capriles, der um Sachlichkeit bemüht ist. […]

Die Welt, 12.03.2013, Stieg Larssons „Verblendung“ erscheint als Comic

[…] Der faszinierende Furor der Computer-Hackerin, ihr extremes Martyrium und ihre gewalttätige Reaktion tragen die Graphic Novel, selbst wenn im ersten Band nur etwa ein gutes Drittel der Handlung erzählt wird und sich Salander und Blomkvist noch nicht begegnet sind. […]

Süddeutsche, 11.03.2013, Florian Hinterbergers Wirken bei 1860 München

[…] Vor Weihnachten hatte sich Ismaiks Cousin Noor Basha zu Wort gemeldet, sein Wehklagen nahm den Furor des Investors vorweg. „Was macht Blanco?“ fragte Basha, […]

Frankfurter Rundschau, 12.03.2013, Buch über Antiziganismus

[…] die sich an den gewaltsamen Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen beteiligt hatte, und der Furor ihrer Verachtung und die Abwesenheit jeglicher Empathie, die sich nicht so leicht vergessen ließen. […]

Allgemeine Zeitung, Rhein Main Presse, 11.03.2013, Spielbericht FSV Mainz 05 vs. Bayer Leverkusen

[…] Coach Sascha Lewandowski blieb in all dem Furor am besonnensten, äußerte sich erst auf Nachfrage zum entscheidenden Moment – und das sehr honorig: „Die Jungs sind sauer“ […]

Hamburger Abendblatt, 11.03.2013, Spielbericht Schalke 04 vs. Borussia Dortmund

[…] Es war ein perfekter Tag für Königsblau. Wie ein Furor waren die Schalker über den BVB hergefallen. Mit nahezu perfektem Konter- und Kombinationsfußball wurden die Schwächen der Gäste bestraft. […]

Badische Zeitung, 9.03.2013, Krankenmorde in der NS-Zeit

[…] Dass der Autor Aly seine persönliche Betroffenheit als Vater einer behinderten Tochter beim Gang durch die Anstalten, Gaskammern und Siechstationen nicht unterschlägt, bekräftigt den Furor seiner Forschung. […]

Reutlinger General-Anzeiger, 11.03.2013, Aufführung von Mendelssohns „Elias“-Oper

[…] Knackig, mit zunehmendem Furor kommen die Ausrufe der Baals-Jünger. Mit schmerzlicher Intensität ist die Klage aufgeladen, dass Elias von König Ahab mit dem Tode bedroht wird. […]

Bild am Sonntag, 10.03.2013, Interview mit Marina Weisband

[…] Warum beharken die Piraten sich untereinander mit solch besonderem Furor und unterstellen sich immer das Schlimmste? […]

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5 Gedanken zu “Der Furor ist zurück.

  1. Sehr geehrter Herr Breuer, gibt es bei Ihrer Intention zu diesem Artikel über das wiederbelebte Wort einen Zusammenhang zu der – auch in Ihrem Blog – heftig geführten Debatte unter dem Stichwort #Aufschrei? Oder bin ich in meiner Vermutung einem Irrtum erlegen?

    • Nein, das ist Zufall. Ich bin nur heute morgen über das Wort gestolpert, musste grinsen und habe dann mal gezählt, wo der Bartel den Furor holt.

  2. Köstlich. Ich hoffe, Ihr Artikel macht ihn ebenfalls – den Furor. :-)

    Übrigens gibt es ein sehr nettes Projekt im www, das sich mit Worten auf der Weide befasst. Freunde längst aus unserem Sprachschatz vertriebener Begriffe dürften dort auf ihr Kosten kommen.

    http://www.wortweide.de

    Ich nehme diesen herrlichen Artikel zum Anlass, dort nach dem kleinen Furor zu suchen und ihn – so noch nicht vorhanden – in die grüne Freiheit weiter Wortweiden zu entlassen und dort auf Sie zu verlinken :-)

  3. Schön, mal wieder einem reanimierten, starken Wort zu begegnen. Es gibt Worte, denen würde ich, verschwänden sie und der Umstand, der sie notwendig machte völlig, keine Träne nachweinen. Ich denke da an Worte wie Zahnhalskaries, Steuerfahndung, Schockstarre, kreischen, jaulen, wüten, Hungersnot, scheintot, etc. Andere führen zu Unrecht ein erbärmliches Schattendasein, darben und verkümmern immer blasser werdend bei lebendigem Leibe. Hier eine kleine Auswahl: Anmut, bedacht, Charmanz, Demut, derb, edelmütig, feinsinnig, galant, hegen, innig, jauchzen, kühn, lauschig, mulmig, nesteln, opulent, prangen, quirlig, rackern, spröde, taufrisch, umgarnen, verrucht, wohlig, x-beliebig, Zerwürfnis. Mehr davon gäbe es hier: http://wp.me/p1PGMR-yb

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