Unfall

duwe

Ein Sonntagmorgen auf dem Trödelmarkt. Zwischen Wohnhäusern, in einem ruhigen Seitenarm des allgemeinen Trubels, stehen ganz allein zwei Herren mit ihren Tapeziertischen. Beide Mittfünfziger und die Bücher, die sie verkaufen, weisen sie als Geisteswissenschaftler aus.

Zwischen Handschuhen und einer Schreibmaschine lehnt ein kleines Bild, eine kaum mehr als DIN A4 große Ölskizze, die ein brennendes Auto zeigt. Neben den ruppigen Strichen, die ein winziges Kobaltblau in die Flammen aus hellem Ocker setzen und dann wieder weicher mit dunklem Saftgrün und Umbra ein Auto formen, springt ein winziges Detail ins Auge – eine nahezu naturalistische Hand, die neben dem Wrack liegt.

Ich frage nach dem Preis, gehe weiter und drehe bald um. Das Bild hat mich gepackt. Als mir der Verkäufer das Bild in eine Tüte packt, erzählt er mir die Geschichte. Gemalt hat es der Hamburger Johannes Duwe, dessen Vater – ebenfalls ein Künstler – 1984 auf der Bundesstraße 404 in Schleswig-Holstein in seinem Auto ums Leben kam.

Eine Stunde später trinke ich am Rand des Trödelmarktes Kaffee mit einem Freund und einer Bekannten von ihm. Die fragt nach dem Maler, wird hellhörig und greift zum Telefon. Sie hat vor gerade mal zwei Minuten die Lebensgefährtin des Malers getroffen, die mir kurz darauf die Version des Verkäufers bestätigt. Inzwischen weiß ich, dass der Vater von Johannes Duwe an einem 28. Januar geboren wurde. Wie ich.

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2 Gedanken zu “Unfall

  1. Das sind diese Situationen, in denen man sich – ganz tapfer – selbst versichert, „dochdoch, das ist reiner Zufall”.

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