Heimat

ruhr

Ein abendlicher Landeanflug auf Düsseldorf von Nordosten, das Asphaltband der A40 ist ein weiß-roter Strom, der träger fließt als Emscher und Ruhr. In Dortmund und Schalke glühen die Rollrasen erstklassig und in guten Jahren spielen auch der Vfl und der MSV oben mit. Bahnhöfe, Rathäuser und Parks – alles gleich vielfach vorhanden in dieser Metropole aus vielen Metropolen, deren Ränder unschärfer sind als die Stadtteilgrenzen in kleineren Städten wie Berlin oder Hamburg.

Das „das” und das „dass“ haben hier ein Doppel-T, was es sprachlich leichter macht. Auch für all die, die in den vergangenen einhundertfünfzig Jahren kamen. Ob aus Galizien, Anatolien oder Sizilien. Der Bergbau, heute oft als Folklore belächelt, hat sich in die DNA einer Region gegraben. Der Dreck des Karbons, der in hierarchieloser Nacktheit vom Körper gewaschen wurde, prägt bis heute.

Currywürste in der Wachstischtuchdeckenhölle von Gladbeck oder Herne, ein nächtlicher Kaffee in der seltsamsten Autobahnraststätte der Welt, gleich hinter dem Großpuff von Bochum. Hier ist das „Du“ der Tresenkraft keine Marketingmarotte, sondern der feine Unterschied zum beleidigenden „Sie“.

Es ist ein Land aus Eisen, Kohle und Stahl, das es auf dem Weg in die stromlinienförmige Neuzeit schwerer hatte als andere. Das gebeutelt wurde von einer Politik, die glaubte, Arbeiter würden von heute auf morgen zu devoten Dienstleistern mutieren. Gefördert mit Subventionen, die mit Millionen Zwölftonmusik in Gemäuer pumpte, dargeboten vor denen, die in der Pause die „pittoresken Arbeitsumgebungen“ als Gesprächsphrase einflochten.

Was das Ruhrgebiet ist und wofür es sich lohnt, es zu lieben: Es ist ein Ort der Klarheit. Wo an der Fleischtheke die Frage „Bisse Schalke oder Dortmund?“ wichtiger ist als Rind oder Schwein. Wo eine Anne ohne Falsch und ohne kreativen Overkill ihren Kiosk „Anne Bude“ nennt und wo in der Metro vier Packungsgrößen „Flotter Dotter“ verkauft werden, aber nur eine Sorte Tee. Wo der Bergbau Risse in die Häuser gerissen hat, die auch die nächsten dreißig Umstrukturierungsmaßnahmen der RAG überstehen. Wo die Reinigung von sechs Hemden fünf Euro kostet und der Koch Piedro bei der Pizza das Steigerlied mit seiner billigen Karaokemaschine singt. Wo alle wissen, dass eine neue Zeit angebrochen ist, die nicht einfach ist, aber irgendwie ging es doch immer und vermutlich auch dieses Mal. Noch ein Pils?

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2 Gedanken zu “Heimat

  1. @peterbreuer : ich bin ganz gerührt: der Meister der kurzen Form, des bissigen bis schmunzelnden modernen Aphorismus, der kenntnisreiche professionelle Twitterer, er holt hier – probeweise?, oder wird es nun ernst? – zur größeren narrativen Geste aus. Das ist nicht nur gelungen, das ist wirklich und wahrhaftig gekonnt. Wenn das einigermaßen autobiograpisch ist, und nicht nur gut beobachtet, dann stammt der HHamburger Designer also aus dem Ruhrpott, einer der weiss, was Arbeiter sind und wie sie denken und ticken (und Bier trinken „mit ’nem Lütten).

    Herr Peter Breuer, hiermit fordere ich Sie – in aller Freundschaft – nachdrücklich dazu auf, dieses Können und das damit verbundene Geschallschafts- und Formbewusstsein nun wirklich einmal in einen Langtext umzusetzen und einladend mit einerm kessen Titel zwischen zwei schön gestalteten Buchdeckeln unter die wohlgesinnten Leute zu bringen. Bei einer entsprechenden öffentlichen Nachricht würde ich noch im Schlafanzug in meine kleine Stammbuchhandlung eilen ! Also: auf, ans Werk !

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