Verbronxung

beton

Jeden Tag gegen 13 Uhr spaziere ich mit meinem Hund an einer Hamburger Verkehrsinsel vorbei. Bepflanzt mit pflegearmen Bodendeckern, zwei Pflegeschnitte im Jahr, ansonsten ein unspektakuläres Biotop. Vor vier Wochen fand sich urplötzlich ein nagelneuer Zementsack in der kultivierten Botanik. 40 Kilo frischer Beton, die der Fliehkraft folgend vom Lastwagen fielen und unbeschädigt prall in der Sonne lagen.

Hätte ich ein Mäuerchen einen modernen Esstresen in der Wohnstube geplant, ich hätte sicher zugegriffen. So staunte ich ein bisschen über die Verschwendung des wertvollen Baumaterials und ließ den Sack Sack sein. Drei Tage später hatte der Sack einen Schnitt auf der Oberseite und eine Tasse Zement fehlte. „Soso”, dachte ich, „da hat wohl jemand einen Riss in der Kellerwand und der Gratis-Beton im öffentlichen Raum kam ihm wie gerufen.“ Nach vier weiteren Tagen war der Betonsack klafterweit geöffnet. In der gutbürgerlichen Nachbarschaft war es zum Trend geworden, seine Kellerwand-Risse kostengünstig auszubessern.

Dann kamen der Regen und die Sonne und der Regen. Das Packpapier des Betonsack löste sich auf und der Beton erstarrte zu monolithischen Klötzen zwischen den Bodendeckern. Das sah nicht gut aus und jetzt erlahmte auch das Interesse an dem Baumaterial. Irgendjemand hatte bereits eine Eistüte zwischen die Klötze geworfen und bald kam sicher weiterer Unrat hinzu.

Es gibt eine Theorie zur Verslummung urbaner Räume, die – könnte ich sie nur korrekt zitieren – mich weit intellektueller aussehen ließe. Aber da ich keine Lust zum Googeln habe, erzähle ich sie einfach falsch aus dem Kopf: Sobald in städtischen Umfeldern eine ausgediente Matratze auf dem Gehsteig liegt und nicht binnen 24 Stunden entfernt wird, ist das Viertel dem Untergang geweiht. Die vollgesabberte Matratze wird zur Keimzelle einer wilden Kippe, vor der früher oder später selbst Juweliere und Maßschneider der vierten Generation kapitulieren. Im Schatten der Nacht potenziert sich der Müllberg, erste Scheiben werden eingeworfen und Autos beginnen wie von Zauberhand zu brennen. 1

Strategisch gut verteilte Fahrräder an Laternenmasten könnten eine stolze und reiche Stadt wie Hamburg in den unkontrollierten Untergang stürzen. Zuerst fehlen nur die Klingeln oder die Kette ist gerissen. Plötzlich ist das Vorderrad verschwunden, dann hängt nur noch der Rahmen am sündteuren Patentschloss – daneben bereits der erste ausgediente Tripp Trapp Stuhl. Aber das Denken verändert sich und bis dahin gefügte Strukturen entdecken den Reiz des Verfalls. Entfesselte Großbürger werfen ihren Unrat nachlässig neben die Tonnen und nur wenig später aschen sie lachend auf ihr Stäbchenparkett. „Nimm den Großen“ kichern sie und stellen bald auch die Körperhygiene ein. Ich sehe schwarz für diese Stadt.

1 WILSON, James Q. & KELLING, George L.: Broken Windows. The Police and Neighborhood Safety. In: The Atlantic Monthly, März 1982

 

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