Der Lady

lady

„Lady” hieß der übergroße Dackel von Frau Windisch, die sich diese Bezeichnung für ihre eigene Person verbeten hätte. Sie war kräftig und band ihr Haar mit bedruckten Seidenbändern zurück. Ihre Stimme hatte ein filterloses Timbre und ihr kehliges Lachen hörte man im Wald schon von weitem. Überflüssig zu sagen, dass „Lady“ ein Rüde war.

Der Lady war schon alt und ein ausgeprägter Einzelgänger, eher Katze als Hund. Nie trug er eine Leine und unterhielt man sich mit seiner Besitzerin, hielt er sich nicht in der Nähe auf, sondern schweifte ab, durchkämmte das Unterholz und kreuzte ab und zu unvermittelt den Weg. Frau Windisch trug die dünne blankgewetzte Dackelleine als Kette um den Hals, vermutlich auch daheim.

Sie liebte den Lady über alles, gestand ihm aber auch zu, ein Freigänger zu sein. Angst hatte sie nicht um ihn, denn der Dackel benutzte bei seinen Ausflügen stets Bürgersteige und hatte die bei Hunden seltene Gabe, rote von grünen Ampeln unterscheiden zu können. Über Jahre, erzählte Frau Windisch, habe er morgens das Haus verlassen und sei erst nachmittags heimgekommen. Da seine Ausflüge so regelmäßig waren und auch seine Rückkehr einem festen Zeitplan folgte, habe sie keinen Verdacht geschöpft, sondern an eine Liebesbeziehung zu einer Dackeldame geglaubt.

Frau Windisch lebte seit Jahrzehnten in der Erdgeschosswohnung einer Backsteinvilla und kannte alle Leute des Viertels. Auch den Taxifahrer, der drei Straßen weiter wohnte. Eines Nachmittags habe sie ihn vor ihrem Garten beobachtet. Obwohl er augenscheinlich keinen Fahrgast hatte, öffnete er die Beifahrertür und fuhr weiter. Wenig später stand der Lady vor ihrer Tür. Als sich dieses Ereignis zwei Mal wiederholte, machte sie sich zum Taxifahrer auf und fragte nach.

Der Taxifahrer war entgeistert. Ob sie denn nicht wisse, was ihr Hund tagsüber unternehme, fragte er sie. Der Dackel würde jeden Morgen das Haus verlassen, laufe bis zur zweiten Bushaltestelle und besteige dort den 628er Bus. Nach drei weiteren Bushaltestellen steige er an seinem Taxistand aus, warte auf ihn und verbringe dann Stunden im Taxi. Nach seinem Schichtende liefere er den Lady in der Nähe ihrer Türe ab. Und das seit Jahren schon. Frau Windisch verriet dem Dackel nie, dass sie über seine Tage Bescheid wusste. Er starb erst viel später friedlich an Altersschwäche.

Es handelt sich um eine wahre Geschichte, Frau Windisch hasste Fiktion.

Dieser Beitrag wurde unter Feuilleton veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Gedanken zu “Der Lady

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s