Shitstorm-Recycling

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Hoho! Der #Gasprom-Gerd verleiht #Erdogan den Toleranz-Preis. JETZT. IN DIESEN TAGEN. Hat Gerhard Schröder nicht auch Putin einen lupenreinen Demokraten genannt? Aufregung, Schnappatmung.

Das war gestern in der Timeline des Microblogging-Dienstes Twitter zu lesen. Zwei Wörter im Google-Suchfeld reichten, um festzustellen, wie alt die Meldung wirklich war. Zwei Tweets wiesen den ersten Falschmelder auf seine Ente hin. Aber da rollte die Lawine schon.

Nur vier Wochen zuvor gab es einem ähnlichen Fall. Der Discounter „Lidl” hat in den vergangenen Jahren oft Negativschlagzeilen produziert. Der Fundus der Skandale ist groß. Eine Twitter-Userin, die sich häufig zu politischen Themen äußert, greift zu und verbreitet eine Nachricht aus Schweden. Dort ließ ein Filialleiter die Abfallcontainer seines Lebensmittelmarktes mit Reinigungsmitteln übergießen, um die abgelaufenen Lebensmittel für Obdachlose unbrauchbar zu machen. Die Nachricht war in Internetjahren gemessen geradezu fossil und hatte schon 2008 für Schlagzeilen gesorgt.

Die verbreitete „Auflage“ des Tweets lag bei knapp 12.000 Lesern, dazu kamen 44.000 Leser durch Retweets. Zusammen mit den zahlreichen Umformulierungen, die den Verweis auf dieselbe alte Quelle recycelten und den vielen entrüsteten „What the fucks“ der Community wurde daraus ein hübscher kleiner Shitstorm für einen Tag. Der deutlich formulierte und adressiert versendete Verweis auf das Alter der Nachricht verhallte leider.

So groß das Interesse auch sein mag, sich eine kleine Scheibe vom Aufmerksamkeitskuchen abzuschneiden, uns sollte klar sein, dass dieses simple Werkzeug zur Verschaffung von Öffentlichkeit auch zu Regeln der Fairness verpflichtet. Der Berufsstand des Journalisten wird in sozialen Medien häufig in einer Mischung aus Sozialneid und Arroganz  herabgewürdigt. Aber sobald ein Twitteraccount, eine Facebook-Fanpage oder ein Blog Leser haben, trägt der Absender eine journalistische Verantwortung für das, was er verbreitet.

Dazu gehört ein Mindestmaß an Recherche, das jeder, der für sich Medienkompetenz in Anspruch nimmt, auch leisten sollte. Und manchmal gehört auch das Rückgrat dazu, einen Fehler einzugestehen. Meine Bereitschaft, Leuten Glauben zu schenken, ist höher, wenn ich von ihnen auch schon mal ein zerknirschtes „Ich habe mich geirrt“ gelesen habe.

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