Nighthawks

nighthawks

Erst wenn die Sonne untergegangen ist, wird aus dem Beton eine Stadt. Das monotone Abrollen der Autoreifen wird zu einzelnen unterscheidbaren Maschinen, die zischen, brüllen und gleiten und die Stimmen der Menschen verwandeln sich in Charaktere – Choleriker, liebestolle Bajazzos und melancholische Seufzer. Großstadt ist nicht die Möglichkeit, alles und zu jeder Tageszeit kaufen zu können; sie ist ein Ort heller Pixel, die sich mischen und zu weißen Mittelpunkten ballen. Der Satellitenblick zeigt: Im von der Sonne vernachlässigten Norden mag man das Kunstlicht warm, während im Süden das Licht von Neonröhren für kühle Nächte sorgt.

Aus der Perspektive des über Bordsteine Gehenden wechseln die Lichter ihre Farbe, werden im Augenwinkel zu Streifen, schwingen im Takt der Schritte und blenden gleißend, wenn die Füße vor der aseptischen Glasfläche eines Sandwichladens stoppen. Drei Schritte weiter ist der Geldautomaten-Vorraum einer Bank so nüchtern kühl, dass die Hydrokultur-Kugeln des Ficus blassgrau erscheinen und nur kurz erdig braun werden, wenn der Lichtkegel eines Autos sie für einen Sekundenbruchteil streift. Im Waschsalon starren müde Nachtfalken im dumpfen blau-grünen Licht auf ihre rotierenden Jeans und in der Weinstube glimmen nur kleine Positionslampen über den sich zugewandten Gesichtern im diffusen Raum.

Nachts ist die Stadt zu schnell für die Adaptionsfähigkeit des Auges, dem der Weißabgleich in der rumpelnden Hochbahn nicht mehr gelingen will und ein buntes Feuerwerk flimmert im Spektrum zwischen 1200 und 5000 Kelvin auf der Netzhaut. Die Straßen und ihre Ränder sind Taxigelb, Europcargrün, McDonalds-Rot – darüber die warm-braunen Wohnzimmer mit großen Flatscreen-Lampen, deren Farbwechsel von Cuttern und Regisseuren beschleunigt wird.

Es braucht nicht weit, um das Grundrauschen der Großstadt hinter sich zu lassen. Aber um ihrem Lichtkegel zu entkommen, der selbst den Horizont einfärbt, muss man mindestens vierzig Kilometer fahren. Auf einem Feldweg, weit draußen und ein gutes Stück entfernt von der Autobahn, zieht man den Zündschlüssel und wartet, bis auch das letzte Klicken das abkühlenden Motors verstummt ist. Unter einem schwarzen Nachthimmel und dem Geräusch sich im Wind bewegender Äste ordnen sich die Farben im Kopf und lassen sich wieder unterscheiden. Was strahlt und was ist nur Reflektion, was ist bunt, was will nur grell sein? Wenn alle Farben wieder in ihren Näpfchen liegen, schiebt man eine Neil Diamond-CD in den Player und fährt zurück in die Stadt.

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