Die Jungs vom Abendblatt

abendblatt

Prolog

1960 erschien „Die Fünfzig vom Abendblatt“, das Kinderbuch eines Autors, dessen erste Kinderbücher im Dritten Reich noch von den Vorzügen der Kameradschaft unter Jugendlichen handelten. Und auch in diesem Buch ging es um Tugenden. Gefeiert wurden Zusammenhalt, Fleiß, Pünktlichkeit und Ehrlichkeit. In erster Linie waren die Fünfzig vom Abendblatt junge Zeitungsfahrer, die mit ihren Fahrrädern dafür sorgten, dass „ihr“ Blatt pünktlich zugestellt wurde. Bei aller verschwiemelten 50er Jahre Moral, die das Buch atmete – es war eine packende Geschichte der Identifikation mit einer Tageszeitung und dem Kampf für Journalismus, der unter anderem darin gipfelte, dass die Fahrer sich weigerten, eine Ausgabe zuzustellen, in der nachweislich falsch berichtet wurde. Sie wollten Schaden von ihrem Blatt nehmen und fühlten sich dem Journalismus verpflichtet.

Wertschöpfung

In der romantischen Fassung des Kapitalismus ist es das Ziel unternehmerischer Tätigkeit, Vorleistungen einzukaufen, zu einem Produkt zu veredeln und einen Marktpreis zu erzielen, der nach Abzug der Vorkosten der eigenen Arbeit einen Wert verleiht.

Bei einem journalistischen Produkt ist das die Geschichte, deren Wert sich vor allem in ihrer Unabhängigkeit bemisst: Der Anbieter – egal, ob sein Medium gedruckt oder digital erscheint – schafft ein Medium, das sich über zwei Quellen finanziert: Der Straßenverkauf, das Abonnement und digitale Bezahlsysteme sind das Fundament, aufgrund dessen Zahlen sich unter anderem auch die Höhe der Werbeerlöse bemessen.

Unabhängigkeit

Der Markenkern eines journalistischen Produkts ist seine Unabhängigkeit und das Vertrauen der Leser in die Unbestechlichkeit der Berichterstattung. Der Redakteur muss sich darauf verlassen können, dass sich kein Mitarbeiter der Mediaabteilung in sein Büro wagt, um eine Geschichte im Sinne eines Anzeigenkunden zu schönen. Er muss die Gewissheit haben, keine Informanten preisgeben zu müssen und bei allem Zeitdruck so lange recherchieren zu können, bis seine Informationen fundiert und gegenrecherchiert sind.

Die Anekdoten von Dandy-Journalisten des zwanzigsten Jahrhunderts, die in Grand Hotels logierten – das Morphium-Besteck neben der Hermes Baby – hatten nie mit der Alltagswirklichkeit des Berufs zu tun. Was heute zählt, sind handwerklich gute Geschichten, die mit normalen Gehältern erzählt werden können. Nicht mit der virtuellen Bestätigung durch Likes und Shares, nicht mit Flattr-Almosen, sondern mit stinknormalen Gehältern, von denen Menschen und deren Familien leben können.

Heimat Zeitung

Das eigene Blatt hatte zwar immer eine Farbe, doch traditionell waren in Deutschland alle großen Regionalblätter politisch in der Mitte verankert und die Ausschläge in eine christlich-konservative, liberale oder sozialdemokratische Richtung so moderat, dass selbst Wechsel der Chefredaktionen nie langfristig die Tonlage eines Blattes änderten.

In den meisten Regionen war es bis zum Ende der 1980er Jahre möglich, zwischen zwei unterschiedlich positionierten Zeitungen zu wählen.

Was es änderte, war der Fortschrittsglaube einzelner Verleger: Dem nicht medienadäquaten Irrglauben der 1980er, eine Regionalzeitung müsse ins geöffnete TV-Geschäft eingreifen, folgte die Überheblichkeit der späten 1990er, mit den Möglichkeiten des Internets gleich die ganze Welt bis Timbuktu mit der brandheißen Info vom Dorfschützenverein in Immekeppel beschallen zu wollen. Das konnte nicht gut gehen: Die Leute aus Timbuktu haben sich weniger schnell interessiert, als die Bewohner von Immekeppel ihre Zeitung abbestellt hatten. Erstaunlich.

Einschub

Mit dem 4. Rundfunk-Urteil des Bundesverfassungsgerichts von 1986 hatten die Verleger plötzlich die Chance, sich am dualen Rundfunksystem zu beteiligen. Sie hätten sogar das Potenzial gehabt, sich anders als andere Privatsender ohne lästige  Untermieter ihrer Informationsaufgabe zu stellen. Die einen scheiterten jedoch mit amateurhaften Programmen, die nicht annähernd das Niveau von Bürgerfunksendungen erreichten, andere schlossen sich mit Partnern zusammen und produzierten seelenlose 24-Stunden-Kochsendungen und vor allem: Millionenschulden. Das Medium Fernsehen war zu kostspielig und zu sehr auf nationale Verbreitung ausgelegt. Kein Platz für die Nische in der Nische. Das Konzept ging nur auf für Privat-TV-Untermieter wie SPIEGEL TV oder Süddeutsche TV, die sich als vom Rundfunkstaatsvertrags geforderte Vollprogramm-Ergänzer die Nische im Mainstream eroberten.

Das Internet hätte eine einmalige Chance sein können, den Journalismus vor Ort zu beleben: Es ist blitzschnell, preiswerter als ein Printprodukt herzustellen und bot von Anfang an die Möglichkeit zum Dialog mit dem Leser. Was bis heute nicht entstand, war eine neue Form regionaler redaktioneller Beiträge: In unmittelbarer Rufweite des Lesers, also dort, wo politische Entscheidungen nicht als Nachrichten konsumiert werden, sondern die Umgehungsstraße, das Industriegebiet oder die Schulplanung tatsächlich den Einzelnen betreffen, hätten lokale Themen-Wikis, Gastbeiträge oder transparent aufbereitete Stadthaushalte die gedruckte Zeitung sinnvoll ergänzen können. Aber es kam anders.

Der große Crash

In den Jahren nach der Jahrtausendwende eskalierte die Situation, weil Anzeigenkunden und Leser gemeinsam Reißaus nahmen. Der profitable Stellen- und Kleinanzeigenmarkt war die weichste Stelle in der Flanke der Verlage, weil das Finden des Wenigen für den Suchenden relevanten aus einem Haufen Zeug digital blendend funktioniert. Am härtesten traf es stolze Regionalzeitungen, die von „aufgeschlossenen“ Verlegern in die digitale Zukunft geführt wurden. Von weißschläfigen Männern, deren Eitelkeit sich nach Thomas Middelhoff’schen Glamour sehnte und die auch fünfzehn Jahre später noch ein ganz kleines bisschen überrascht waren, dass auch ihr Porsche Teil der Konkursmasse sein sollte. Ohne Konzept wurde alles ins Internet gekippt, was wortgleich gedruckt wurde und die Bannerreklame örtlicher Kosmetikstudios stand für neue, multimediale Werbeformen. Der erste „Skyskraper“ in der Provinz, ein Animated Gif.

Andere, wie die Frankfurter Rundschau, gaben in dem Bemühen, sich der neuen Zeit anzupassen, ihren Markenkern preis. Statt das zu schärfen, was das Blatt immer ausmachte, nämlich die hessische Balance zwischen Brezel Benno und Japans Tenno, lief man einem stromlinienförmigen Leser hinterher, der eine Vision blieb. Schuld war nicht das Internet, schuld war der Versuch, es aus Angst, nicht mehr zu gefallen, möglichst vielen recht zu machen und keinem wirklich gut. Wie überall war das Tabloid-Format der Anfang vom Ende.

Das Abendblatt

Die Funke Mediengruppe hat im Laufe von 15 Jahren die gesamte Presselandschaft Westdeutschlands leergekauft und die Heterogenität der Berichterstattung durch ein zentrales WAZ Content-Desk ersetzt. Unter der Geschäftsführung von Bodo Hombach, dem Ex-SPD-Wahlkämpfer und späteren Vorsitzenden der „Zukunftskommission“ von Jürgen Rüttgers kaufte die vormalige WAZ alles, was nicht bei drei auf den Bäumen war. Selbst der altlinke und früher widerborstige Klartext-Verlag durfte sich während seiner Amtszeit zum geschmeidigen Ruhr-Reiseführer-Content-Produzenten herabmendeln.

Jede der hinzugekauften und geplünderten Zeitungen verlor über dem Branchenschnitt an Auflage. Besonders hart traf es die „Westfälische Rundschau“, der innerhalb von wenigen Monaten mehr als 40 Prozent der Leser fortliefen. Was die Schließung der Redaktion und die Bestückung mit „Content“ aus dem Mutterhaus folgerichtig erscheinen ließ.

Nun ist das „Hamburger Abendblatt“ an der Reihe.  Die vielen Millionen, die an Springer überwiesen wurden, müssen refinanziert werden und das Konzept wird dasselbe wie immer sein: Der Journalismus ist nur ein Störfaktor in dieser neuen Wertschöpfungskette, bei der der Einkaufspreis mit den Reichweitenerlösen verrechnet wird.

Die 1.7 Millionen Stadt Hamburg behält eine Lokalredaktion, der Mantel wird eine grün angepinselte WAZ. Der Gedanke hinter dieser Rationalisierung ist ein kaufmännischer, kein journalistischer. Denn eigentlich ist eine Zeitung ein Gesamtkunstwerk, bei dem das Umblättern vom Überregionalen zum Lokalen keinen Bruch verträgt.

Und jetzt?

Matthias Döpfner, Vorstandsvorsitzender der Axel Springer AG, die sich von den Traditionstiteln „Hamburger Abendblatt“, „Hörzu“, „Funkuhr“, usw. trennten, ist optimistisch. Er sieht die Zukunft in der digitalen Welt und glaubt, der Leser werde auch dort bereit sein, für „geistige Wertschöpfung“ zu bezahlen. Nach einem Crashkurs im Silicon Valley glaubt er seinen Verlag auf die Herausforderungen der neuen Zeit eingenordet zu haben.

Bis jetzt sieht die Digitalisierung der Springer AG noch nicht nach einem neuen Zeitalter des Publizismus aus – eher nach einer wilden Einkaufstour quer durch die Preisvergleichs-, Job- und Aggregationsportale. Und die Exklusivität des Paymodells von BILDplus beschränkt sich auf den unteren Rand des Gossips, mit dessen weiterhin kostenlosem Part schließlich Leser auf die Plattform gezogen werden müssen. Eine Extra-Brustwarze mehr gegen Cash? Ein besoffener C-Promi im Abo? Das wird nicht funktionieren, da muss noch mehr kommen.

Aber der gesuchte Toptreffer lässt sich nicht kalkulieren: Selbst die Huffington Post wird eine rein amerikanische Erfolgsgeschichte bleiben, die sich nicht 1:1 mit deutscher Synchronstimme adaptieren lässt. Das Erfolgsmodell des ursprünglichen Blogs ist personengetrieben und ihr journalistisches Modell basiert allein auf dem Reflex, möglichst viele dorthin zu verlinken, wo es laut und bunt ist. Natürlich funktioniert das, weil es immer funktioniert und weil das Klicken kostenlos ist. Erfolgreich geworden ist die Huffington Post, als das Netz jung war und irgendwann hat es vor allem funktioniert, weil es erfolgreich war. 2013 ist das Netz nicht mehr jung und nur die Behauptung des Erfolgs wird nicht reichen.

Verlage, die dem digitalen Megaerfolg hinterherjagen, werden vielleicht sogar irgendwann einen Treffer landen. Nur Verlage mit lesenswertem Journalismus sind sie dann nicht mehr. Allenfalls Investmentgesellschaften mit „Digitalkompetenz“.

Epilog

Einer der Fahrer, die zu den Fünfzig vom Abendblatt gehörten, war der Sohn des Verlegers, der ohne bevorzugt zu werden das Zeitungsgeschäft kennenlernen wollte. Sein Pseudonym war Harald Amelung – ein kleiner Insiderwitz für alle, die schon einmal durch die Amelungstraße auf das Springer-Gebäude zuliefen. Alle weiteren Zufälligkeiten konnte Alfred Weidemann 1960 nicht ahnen.

6 Gedanken zu “Die Jungs vom Abendblatt

  1. Da ist viel wahres dran. Allerdings nannte sich der junge mr. Voss nicht amelung, sondern madelung. Schade um die Pointe. ;-) das Buch spielte auch nicht in Hamburg – weidenmann hat da einfach Namen, Locations und Begebenheiten aus verschiedenen Städten gemixt.

  2. Vor 36 Jahren meine erste Hamburger Anstellung in der Amelungstraße gehabt … dort residierten damals Libri und die HaKo- Hamburger Kommissionsbuchhandlung. Gebäude, Umfeld, Springer-Hochhaus und die benannten Firmen – haben sich ähnlich gewandelt wie man oben über die 50 vom Abendblatt lesen durfte. So hofft man wenigstens, dass in all der Richtung in Stromlinie einzelne Erinnerung noch ‚gallische Dörfer‘ in den Konzernen überleben lassen.

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