Skandal: Vegetarier essen Kätzchen!

Nur mal angenommen, man hätte die Macht eines viel gelesenen Mediums und wollte einer politischen Partei im Vorbeigehen mal eben übel ans Bein pinkeln. Man würde das Wahlprogramm der Partei herunterladen und gezielt nach Schlüsselthemen suchen. Ist das Medium der Wahl aus Papier, suchte man nach Abgabenerhöhungen auf Mineralöl, geplanten Tempolimits oder einer finanziellen Mitbeteiligung des Profifußballs an den Kosten der wöchentlichen Polizeipräsenz.

Will man die Aufregung im Netz, sind die Reizworte natürlich andere. Impfgegner, Naturheilverfahren und Vegetarismus sind im Internet die Speerspitze der Unterwelt. (Ob vegan oder vegetarisch ist dabei auch schon egal – wer es simpel braucht, schmeißt auch das in einen Topf.) Die Medienpartner stehen in beiden Fällen fest: Die lauten Büttel, die reflexartig losplärren, nun wolle Partei xy dem kleinen Mann auf der Straße auch noch das letzte bisschen Spaß seines bisher schon grauen Alltags nehmen.

Die BILD hat den Bogen raus und heute ging es gegen die Grünen. Und herzlichen Glückwunsch, es wurde fleißig Stimmung gemacht. Funktioniert hat es heute  so:

[Headline BILD]
POLITIKER FORDERN VEGETARIER-TAG IN DER KANTINE Die Grünen wollen uns das Fleisch verbieten!

Der erste Teil der Überschrift ist nicht so ganz falsch. Tatsächlich fordern die Grünen in ihrem Wahlprogramm, dass Kantinen mit einem Vegetarier-Tag eine Vorreiterrolle im Bemühen einer Reduktion des unstrittig zu hohen Fleischkonsums einnehmen sollen. Dass die Grünen uns das Fleisch verbieten wollen, ist schlicht gelogen. Aber in der Kürze liegt nun mal die Würze.

[Text BILD]
„Ein Veggie Day ist ein wunderbarer Tag zum Ausprobieren, wie wir uns mal ohne Fleisch und Wurst ernähren. Vegetarisch kochen ist nämlich mehr, als nur das Fleisch weg lassen“, sagte Grünen-Fraktionschefin Renate Künast zu BILD.

Das ist der Satz aus dem Originaltext der BILD, der belegen soll, wie drakonisch die freudlose Renate Künast den Wurst- und Schnitzelfreunden ans Leder will. Selbst wenn Renate Künast korrekt zitiert sein sollte, sagte sie zu BILD also nicht, dass  die Grünen einen Gesetzesentwurf anstreben, der jeden Deutschen zwingt, an einem von sieben Wochentagen auf Fleisch zu verzichten. Eigentlich sagte sie lediglich, dass ein vegetarischer Tag eine Chance ist, beim Kochen mal was anderes auszuprobieren.

Mitgemacht haben im Internet wieder einmal viele, denen ich an dieser Stelle ausdrücklich gratuliere. Die Stimmungsmache der BILD auf 140 Zeichen zu verkürzen, ist jetzt nicht so die Superleistung, aber der gute Wille zählt und ich hoffe, das individuelle Feedback aus der Peergroup war entsprechend gut. Ich für meinen Teil lasse mir jetzt mein kross gebratenes Kätzchen schmecken.

10 Gedanken zu “Skandal: Vegetarier essen Kätzchen!

  1. Nett zu lesen, wie sich die Empörten von gestern heute hier echauffieren…..

  2. Ja, da hat die BILD den Finger…
    Trotzdem steht das nun mal bei den Grünen und mal abgesehen von dem Gezoffe Vegetarier versus Fleischesser, ist dieser Vorschlag als auch die Reaktionen so endlos traurig. Gibt es für eine knapp 15-Prozent-Partei im Wahlkampf nichts wichtigeres?

    Ach, bitte weitergehen, gibt nix zu sehen ;((

    • Das Wahlprogramm 2013 der Grünen hat viele Seiten. Das Thema „fleischloser Tag“ ist darin nur ein Aspekt. Die Stärkung des „Kulturerbes der deutschen Vertriebenen“ im Programm der CDU nimmt breiteren Raum ein, ist der BILD allerdings keine Zeile wert. Ich gehe davon aus, dass der Veggie-Day ein kalkulierter Sommerloch-Aufreger ist, zu dem Renate Künast am Rande einer Veranstaltung kurz befragt wurde. Ihr Zitat deutet darauf hin.

  3. Hollera der Herr,

    ohne mich (der sowohl Fleisch- als auch Gemüsefan ist) näher zu dem eigentlichen Thema, zu dem Du in Deinem Post schon alles notwendige gesagt hast, weiter zu äußern, klingt das mit dem kross gebratenem Kätzchen nach einem großartigen Plan.
    Lass mich bitte wissen, wann ich wo zum Essen vorbeikommen darf.

    ein hungriger Ausserirdischer

  4. Egal, ob es Rauchen, Fleischverzehr oder irgendwas mit Autos ist: Der Deutsche ist bei diesen Themen schnell auf 180. Als die Grünen in den frühen 90ern forderten, dass Benzin fünf Mark kosten sollte, hörte vor lauter Protestgeschrei schon keiner mehr, dass sie von den Mehreinnahmen der Mineralölsteuer den Nahverkehr zeitnah so ausbauen wollten, dass niemand mehr auf ein Auto angewiesen ist.
    Mir fehlt (so als Tipp an die Echauffeure auf Twitter) noch der logische Folge, dass Hitler sicher auch so ein Grüner gewesen sein muss. Die Diskussionen ums Nichtraucherschutzgesetz haben jedenfalls binnen 3 Postings einen Wert von mindestens 9 auf der nach oben offenen Godwin-Skala.

    • Das erklärt natürlich alles. Allerdings hat er auch Aquarelle gemalt, was kein Grund ist, mit einer Menschenkette die Aquarellausstellung in der Stadtbibliothek zu blockieren. Als Antwort auf den Text hätte ich mir ein durchdachtes „42″ gewünscht. Oder einen Verweis auf die Bielefeld-Verschwörung.

  5. Danke für den Post.

    Ich denke, die meisten haben schon verstanden, dass es nicht um ein Fleischverbot an sich geht. Das hoffe ich zumindest. Der, teilweise überspitzte, Verriss zu dieser Thematik also durchaus verständlich und gar nicht so schlimm.

    Gleichermassen bin ich mir aber ziemlich sicher, dass kaum jemand täglich!! Fleisch isst (natürlich wird es die Ausnahmen immer geben) Gründe: (zu faul zum kochen, jeden Tag Currywurst is ja auch irgendwie nix, continue…)

    Und ich bin mir ebenfalls SEHR sicher, dass zumindest ich persönlich von keiner politischen Partei vorgeschrieben haben möchte, wann ich wo was esse, ob ich mir eine oder 20 Zigaretten am Tag anzünde und ob ich hin und wieder eine Plastiktüte für den Einkauf benutze. Auch hier könnte man weitere aberhunderte Beispiele geben, die uns aufgezwungen werden sollen.

    Und das ist meines Erachtens KEINE politische Aufgabe, sondern dient nur dazu die Unfähigkeit der wirklichen Probleme dieses Landes, dieses Europas zu verdecken. Respektive die totale Unfähigkeit und Inkompetenz der ganzen Riege die meint uns für dumm verkaufen zu müssen.

    Jede Führungskraft in der freien Wirtschaft (auch hier gibt es natürlich leider Ausnahmen), wird bei solcher Geschäftspolitik schlicht und ergreifend gefeuert.

    Schnittchen?

    • Pauschales Bashing von Politikern hilft nicht weiter. Oder würden Sie das besser machen? So wie die Leitung eines Unternehmens komplexe Themenstellungen beinhaltet, bei der die Lösung für kleine, mittelgroße und große Probleme gesucht wird, ist es auch in der Politik. Den Verriss dieser Thematik empfinde ich schlimm. Zum einen, weil sehr gut beschrieben wird, wie Lösungsansätze die gut sind in der Presse durch Verkürzung und Entstellung behindert werden. Dabei werden die niedrigsten Instinkte bedient und das differenzierte Nachdenken blockiert.

      Der extrem hohe Fleischkonsum, insbesondere des Billigfleisches für jeden Tag erzeugt vielfältige Probleme für Menschen und für Tiere. Regenwälder werden massiv abgeholzt das Soja für die Mast eingesetzt werden kann. Die CO2 Problematik wird verschärft. Billigkräfte in Schlachtbetrieben leben unter unmenschlichen Bedingungen. Die Auswirkungen für die Tiere welche so leben und sterben müssen kann man nicht ertragen, wenn man Videos davon sieht.

      Also: warum ist dann die Menge des Fleischverzehrs die Sache jedes Einzelnen, wenn es solche Auswirkungen auf alle hat? Doch selbst die Grünen wollen das Fleisch essen ja nicht verbieten aber sie möchten anregen mal darüber nachzudenken. Was ist daran verkehrt?

    • Da der Fleischkonsum aber direkt mit der Klimaveränderung, Abholzung des Regenwaldes, Ausbeutung von anderen Ländern zu tun hat, könnte man schon meinen dass es ein politisches Thema ist.
      Von der persönlichen Gesundheit (die aber eben nicht direkt politisch relevant ist) mal abgesehen. Obwohl man auch hier argumentieren könnte, dass die Fleischesser eine hohe Belastung für das Gesundheitssystem sind/werden.

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